FC Ingolstadt : Werder Bremen – 2:4

Wow.

Ganz ehrlich, so allmählich fällt es schwer zu beschreiben, was hier eigentlich los ist. Werder Bremen dreht ein Spiel, das sie noch vor einigen Monaten sicher verloren hätten, und steht plötzlich auf einem Tabellenplatz, der das Ticket für die Europa League bedeuten würde, wenn sie dort blieben.

Es ist ja nicht so, dass wir die Entwicklung nicht ganz genau verfolgt hätten. Der Erfolg von Nouris Arbeit und seinem Team kam nicht aus dem Nichts, er hat sich angekündigt. Und trotzdem: Damit konnte niemand ernsthaft rechnen. Und wer es getan hat, wurde als unverbesserlicher Träumer belächelt.

Trotzdem darf man jetzt nicht den Fehler machen, alles nur noch in einem rosaroten Licht zu sehen. Denn Werder hat gestern eine schlechte erste Halbzeit gespielt. Wirklich gut wurden sie erst nach dem neuerlichen Rückstand zu Beginn der zweiten Halbzeit. Bis dahin hatten sie weder kämpferisch noch spielerisch überzeugt, das Dreifünfzwei/Fünfdreizwei-System, das in der Vergangenheit gut funktioniert hatte, griff überhaupt nicht. Die Bremer waren grundsätzlich zu weit von ihren Gegenspielern entfernt, sie schafften es nicht, die Schanzer davon abzuhalten, an den Flügeln durchzubrechen, und das zentrale Dreieck bestehend aus Eggestein, Kainz und Grillitsch vermochte es nicht, den Ausfall von Junuzovic und Delaney zu kompensieren. Weder beteiligten sie sich ausreichend am Pressing, noch bekamen sie einen geordneten Spielaufbau hin. Sie konnten es schlicht nicht, weil Ingolstadts Druck zu groß war. Werders Offensivzüge beschränkten sich zu häufig darauf, mit weiten vertikalen oder diagonalen Pässen das Mittelfeld zu überspielen und Kruse oder Bartels auf die schnelle Reise vors Tor zu schicken.

Ehrlich gesagt war es gut, mal zu sehen, wie das ist, wenn Junuzovic nicht mit von der Partie ist. Er fehlte wirklich. Seine Gerackere im Mittelfeld, seine Positionierungen zwischen den Linien, die es Moisander überhaupt erst ermöglichen, seine präzisen Pässe zu spielen, das alles wurde gestern schmerzlich vermisst. Hoffentlich bleibt er Werder über 2018 hinaus erhalten. Ich habe seine Fähigkeiten oft verkannt, aber es ist nicht von der Hand zu weisen: Die Spielanlage, die Werder sich in den vergangenen Monaten erarbeitet hat, braucht einen Spieler wie ihn.

In der ersten Hälfte war Ingolstadt also nicht nur überlegen, was den Einsatz betraf. Sie spielten auch den besseren Fußball. Das sollte man im Kopf behalten, wenn man sich über das letzte Drittel der Partie freut.

Denn Werder wurde besser, als Nouri sich entschloss, auf ein Vierviereins/Viereinsdreizwei umzustellen und den etwas schlappen Grillitsch durch den dynamischen Gnabry zu ersetzen. Neben seinem Spielwitz und seiner großartigen technischen Veranlagung brachte der etwas mit, was ich als Zuschauer bei Werder schmerzlich vermisste hatte: Geschwindigkeit. Bis dahin waren die Schanzer sowohl gedanklich als auch physisch immer einen Tick schneller gewesen. Jetzt, mit der Hereinnahme von Pizarro und Gnabry, kehrten sich die Verhältnisse um, Werder wollte endlich den Ball haben, sie drückten sich nicht mehr um die Verantwortung herum zu agieren. Sie spielten Fußball. Und sie zeigten, dass sie es können.

Und das ist genau das, was Werder im April 2017 auszeichnet im Gegensatz zum Werder des Januar 2017: Wenn es auch nicht gut läuft, wenn sie auch einmal wirklich nicht gut spielen, haben sie dennoch alle Möglichkeiten, das Ruder herumzureißen. Sie haben den Spirit, den Willen, die mannschaftliche Geschlossenheit und die fußballerische Qualität, einen Gang höher zu schalten und ein anfänglich vermurkstes Spiel zu den eigenen Gunsten umzubiegen.

Sie können das inzwischen auch wegen dieses großartigen Florian Kainz, dieses schnellen, begnadeten, technisch versierten und blitzgescheiten Österreichers, der hoffentlich nun endlich seinen Durchbruch im Team geschafft hat. Er hebt die spielerische Qualität der Mannschaft. Stellen wir es uns nur einmal vor: Gnabry entscheidet sich für eine weitere Saison bei Werder, Kainz ist endlich in der Bundesliga angekommen, auf der Sechs spielt der großartige Delaney und vorne der phänomenale Kruse und natürlich Bartels … Was wäre da nicht alles möglich?

Die Europa League zum Beispiel. Warum eigentlich nicht? Leistungssportler brauchen Ziele. Und das Hauptziel der Saison haben sie gestern erreicht: Der Klassenerhalt ist sicher. Sollen sie sich jetzt zurücklehnen und die restlichen Spiele herschenken? Blödsinn. Sie haben die Gelegenheit, gegen Hertha, Köln, Hoffenheim und Dortmund zu beweisen, dass sie zurecht da oben stehen, dass die Erfolge der vergangenen Wochen keine Zufälle waren und dass mit ihnen auch in der Zukunft zu rechnen sein wird. Es kann für einen Profi doch nichts Schöneres geben, oder?

Das Leben in Grün-Weiß ist gerade tatsächlich sehr schön. Das weiß auch Frank Baumann, der der Architekt der Entwicklung ist. Er wird, wenn die letzten Matches gespielt sind, mit Nouri verlängern, den Kader erhalten und verstärken und die Männer dann gemeinsam in die Vorbereitung für die kommende Spielzeit schicken – endlich einmal: eine echte, ausgiebige Saisonvorbereitung mit dem richtigen Personal.

Und dann haben wir allen Grund, uns schon jetzt auf die kommende Saison zu freuen, ob mit oder ohne Europa-League.

Werder Bremen : Hamburger SV – 2:1

Jessica Kastrop, die für Sky die Interviews am Spielfeldrand führte, ließ nicht locker. Immer wieder wollte sie von Bremer und Hamburger Beteiligten wissen, wie es zu diesen zwei unterschiedlichen Spielhälften gekommen war. Aber weder Gisdohl noch Baumann noch Junuzovic noch Kainz noch Kruse wollten ihr bei der der Beantwortung ihrer Frage weiterhelfen.

Dabei hatte die Moderatorin recht. Es gab einen auffälligen Unterschied. Und der hatte damit zu tun, dass der HSV in der ersten Halbzeit gar nicht so schlecht gespielt hatte, wie es hinterher Hunt und Gisdohl behaupteten.

Nachdem Werder – völlig untypisch für diese Spielzeit – von der ersten Sekunde an voll da war, Junuzovic einen traumhaften flachen und dennoch weiten Pass durch die Lücken der Hamburger in den Lauf von Bartels gespielt hatte, der dann wiederum perfekt in Kruses Laufweg spielte, der dann – ebenfalls untypisch für das neue Werder 2017 – die erste dicke Chance nicht für ein Tor nutzte, nachdem das also geschehen war, antwortete der HSV mit einem sehenswerten Spielzug unter tatkräftiger Hilfe von Junuzovic und Garcia und beendete Werders selbstbewusstes Auftreten fürs Erste mit dem Nullzueins.

Junuzovic war von Hunts entschlossenem Antritt überrascht worden und ließ ihn laufen, Garcia versuchte Diekmeyer in Schach zu halten, indem er im Raum verweilte, den Hamburger nicht unter Druck setzte, sondern ihn mittels seines strengen Blickes zu bannen suchte. Das gelang nicht, Diekmeyer passte in Hunts Lauf und der schlug eine traumhafte Flanke in den Strafraum, die Gregoritsch mit dem Kopf zum Tor nutzte.

Und dann war erst einmal die Luft raus aus Werders Herrlichkeit. Denn der HSV fürchtete sich, völlig zurecht, vor Werders neu gewonnener Fähigkeit, blitzschnell umzuschalten. Deshalb setzten sie Werder sehr früh unter Druck, verdichteten das Feld enorm, drängten die Bremer an die Seitenauslinie und schafften es durch geschicktes Positionsspiel, dass sich der ballführende Werderaner jeweils mindestens zwei Gegenspielern gegenüber sah. Das hatte Wirkung. Werder spielte fahrig, leistete sich in der Hektik viele Ungenauigkeiten oder griff immer wieder mal zum langen Ball, um sich aus der Umklammerung lösen zu können. So verliefen große Teile der ersten Halbzeit. Die zuletzt sichere Abwehr der Grün-Weißen machte keineswegs einen unüberwindlichen Eindruck. Allerdings schaffte es der HSV nicht, den nächsten Schritt zu gehen, und, nach einem Ballverlust der Werderaner, für echte Torgefahr zu sorgen.

Dann kam die 43. oder 44. Minute, was weiß ich, und Werder fand endlich das einzig mögliche Gegenmittel gegen die Hamburger Taktik: eine Spielverlagerung. Es gelang ihnen, den Ball aus der verdichteten Zone herauszuspielen und den Konter einzuleiten. Und das war eben dieser Konter, über den wir heute alle noch reden, dieser Krusische Geniestreich, als er den Spielzug mit der Hacke eröffnete, Junzovic auf und davon schickte, und dann eben nicht stehenblieb, sondern sich an der wilden Jagd beteiligte.

Santi Garcia ist ein echtes Phänomen. Es ist manchmal schrecklich mit anzusehen, wie er durch den Raum geistert. Weil er nur einen starken Fuß hat, ist er oft mit den schnellen Kombinationen auf engem Raum überfordert. Aber was hat der Mann für ein linkes Füßchen! Diesen langen, präzisen Ball zeigte er nicht zum ersten Mal, damit hat er bei Werder schon mehrmals Tore eingeleitet. Und Sonntag war es wieder so weit. Es ist nicht übertrieben, er traf tatsächlich zentimetergenau! Und als Bartels den Ball gekonnt volley auf Kruse weiterleitete, war der bereits vor dem Tor eingetroffen und musste nur noch einmal kurz nicken.

Ab dann, und das hatte Frau Kastrop völlig richtig beobachtet, veränderte sich das Spiel. Werder wurde in der zweiten Halbzeit immer dominanter und ließ sich von den sichtlich verunsicherten Hamburgern nicht mehr in die Ecke drängen.

Vielleicht war das auch ein psychologisches Moment. Die Angst des HSV hatte sich bestätigt, Werder hatte nach einem Konter zugeschlagen. Nun wuchs die Verunsicherung, und Werder schlug nochmals zu. Zweimal also passierte das, was die Gäste befürchtet hatten. Vielleicht war das der Grund, warum sie hinterher die eigene Leistung schlecht redeten.

Natürlich ist Max Kruse der Matchwinner. Aber es wird Zeit, dass endlich Finn Bartels einmal gewürdigt wird. Dieser Sieg geht zu einem großen Teil auch auf sein Konto. Nouris Idee, ihn als zweite Spitze aufzubieten, hat jetzt zum wiederholten Mal voll eingeschlagen. Bartels rennt und dribbelt, er leitet schnelle Konter ein und spielt dann präzise den letzten Pass in die gefährliche Zone. Er ist meistens schneller als seine Gegenspieler und fürchtet sich vor keinem Einsgegeneins. Wenn er jetzt noch torgefährlicher werden würde, könnte man es überhaupt nicht mehr glauben, dass er mal ein typischer Zweitligaspieler gewesen ist, für den die Fachleute von Elf Freunde oder Spielverlagerung höchstens ein Achselzucken übrig hatten. In dieser Verfassung würde er in jeder Bundesligamannschaft mit internationalen Ambitionen eine wichtige Rolle spielen.

Werders Serie geht also weiter. Ein weiterer Derbysieg ist im Sack, vielleicht einer der wichtigsten der Werder-Geschichte. Der Klassenerhalt ist so gut wie sicher. Die Mannschaft steht auf einem sensationellen achten Platz, sie hat Schalke, Wolfsburg, Leverkusen und Mönchengladbach für den Moment hinter sich gelassen. Und das alles nach diesem Katastrophen-Start in die jetzige Saison. Das ist eigentlich kaum zu glauben.

Drama hat man als Werder-Fan ja eigentlich immer. Aber jetzt macht es auch noch Spaß.

Werder Bremen : Schalke 04 – 3:0

Es ist wirklich kaum zu glauben! Jetzt ist es schon so weit gekommen, dass die Mannschaft in der Lage ist einen nominell besser besetzten Gegner, der über weite Phasen auch wesentlich besser spielt, zu Null zu schlagen. Deutlich zu schlagen. Und warum? Weil sie seit undenkbar langer Zeit wieder eine Eigenschaft besitzt, die man mit dem SV Werder Bremen seit den Zeiten von Thomas Schaaf nicht mehr in Verbindung bringt: defensive Kompaktheit.

Was Dutt und Skripnik vergeblich versuchten, das ist Nouri offensichtlich gelungen: den Geist des Schaafschen Hurra-Fußballs zu exorzieren. Plötzlich kann Werder italienisch, sie stehen hinten sicher und sind vorne gnadenlos effektiv. Lass die anderen doch spielen, lass sie das Mittelfeld mit genialen Pässen durchschneiden, lass sie mit wenigen Spielzügen in der gefährlichen Zone vorm Strafraum auftauchen. Was haben sie davon? Nichts. Die grüne Wand steht. Und zur Not ist – man traut seinen Augen kaum – Wiedwald da und hält fest, was festzuhalten ist.

Wir müssen uns nichts vormachen, Werder hat gegen Schalke nicht wirklich gut gespielt, jedenfalls nicht in dem Sinne, dass sie den Ball clever behauptet hätten, dass sie die Schalker über längere Phasen vor Probleme gestellt hätten, dass sie zuverlässig die zweiten Bälle errungen hätten, dass sie den Ball klug laufenließen. Aber sie machten eben doch auch vieles sehr, sehr gut.

Wie gesagt, sie standen defensiv gut, auch wenn sie des Öfteren fast fahrlässig das Mittelfeld preisgaben. Und sie schalteten brutal gut um. Das ist tatsächlich eine der neugewonnenen Eigenschaften von Werder im Jahr 2017, wie schnell sie nach der Balleroberung in den Attacke-Modus wechseln. Ja, da gingen gestern einige Bälle auch schnell wieder verloren. Aber davon ließen sie sich nicht beirren, weil sie wussten, dass es ihnen nur einige wenige Mal gelingen musste, zügig vors Tor des Gegners zu kommen, um sofort für Gefahr zu sorgen, und genau so war es auch.

Deshalb ist es richtig, wenn man sagt, dass Werder verdient gewonnen hat, tatsächlich auch verdient in dieser Höhe gewonnen hat. Schalkes Spielanlage war besser. Und dennoch stimmt es: Werder war zurecht das erfolgreiche Team, weil sie die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel mit einer unglaublichen Coolness, Hingabe und Effizienz nutzten.

Junuzovics Hereingabe vor dem Einszunull war ein Traum von einem Ball: aus Hüfthöhe mit dem Vollspann mit Unterschnitt serviert – ihm gehört dieser Treffer sicher zur Hälfte. Dem Foul an Bartels im Strafraum ging ein großartiger Spielzug voraus, den Grillitsch mit unglaublicher Ruhe am Ball einleitete. Das Foul wurde geradezu erzwungen. Und diese Abgezocktheit von einem Jungen wie Eggestein, der halt zum zweiten Pfosten läuft, weil der erste besetzt ist – was soll man dazu sagen? Über Kruses zentimetergenau Hereingabe müssen wir nicht reden. Das alles gepaart mit der defensiven Stärke (und hier muss man mal den wackeren Caldirola loben, der sich durch eine echte Scheißzeit gekämpft und jetzt zwei Mal hintereinander wirklich gut gespielt hat; er ist ein mehr als würdiger Ersatzmann für Sané) verdient diesen Sieg, auch in dieser Höhe.

Wir werden uns wohl daran gewöhnen müssen: Das alles ist kein Zufall. Werder Bremen ist wieder eine Mannschaft, mit der zu rechnen ist. Sie weiß, was sie kann und was sie nicht kann. Aber das, was sie kann, setzt sie hervorragend um.

SC Freiburg : Werder Bremen – 2:5

Es ist seit einiger Zeit en vogue zu sagen, dass der Trainer für den Erfolg einer Mannschaft gar nicht so entscheidend sei, dass zu viel über das System gesprochen werde, dabei sei doch viel wichtiger, wie die Spieler die Vorgaben umsetzen würden, mit welcher Einstellung sie zu Werke gehen würden, dass es letztlich egal sei, ob nun mit einer Dreier-, Vierer- oder Fünferkette verteidigt werden würde usw.

Mag ja sein. Aber so ganz glaube ich das nicht.

Denn wenn wir uns einmal an die ersten fünfundzwanzig Minuten des Spieles gegen Freiburg erinnern, müssen wir ehrlich sagen, dass es mit der Einstellung der einzelnen Bremer Spieler nicht so weit her gewesen sein kann. Die Anfangsviertelstunde war typisch für die Zeit unter Nouri. Werder wartete ab, verließ sich darauf, dass jeder seine Position hält und machte die Räume eng. Dagegen ist nichts zu sagen. Was mir nicht gefiel, war der Eindruck, den sie dabei machten. Man hätte meinen können, dass die Spieler an diesem sonnigen Samstagnachmittag eigentlich etwas anderes vorgehabt hatten: einen Besuch bei Oma zum Beispiel oder einen Betriebsausflug zu einem Freizeitpark. Nun mussten sie aber Fußball spielen, mein Gott, also fügten sie sich in ihr Schicksal und bemühten sich, ihre Pflicht einigermaßen anständig zu erledigen. Da konnte dann schon einmal ein Ball verspringen oder ein Pass nicht ankommen. Was sollte es – man musste halt irgendwie fertig werden.

Zu anderen Zeiten hätte der Gegner die Bremer in ihre Einzelteile zerlegt, selbst wenn er Freiburg geheißen hätte. Diesmal gelang ihm das nicht. Und das lag nicht nur daran, dass die Breisgauer laut ihrem Trainer ihre schlechteste Saisonleistung ablieferten. Wenn eine Mannschaft schlecht spielt, ist meistens auch der Gegner daran schuld, und so war es auch diesmal: Werder machte die Freiburger schlecht, wenn man so will. Denn egal, ob sie gerade in Form sind oder ob sie gerade Lust haben, es gibt neuerdings ein oder mehrere überindividuelle Elemente in Werders Spiel, die die Fehlleistung des Einzelnen wettmachen. Es gibt ein System, das alle kennen und auch spielen können, es gibt eine Idee, die jeder kapiert hat, und es gibt ein Team, das sich als Einheit versteht und nicht nur als die Summe aller Einzelnen.

Und das ist neu. Das hat es schon seit langer Zeit nicht mehr gegeben. Und die Verantwortung daran trägt vor allem einer, und das ist Alexander Nouri. Ich gönne mir deshalb jetzt etwas, was sich der verantwortungsvolle und bescheidene Trainer niemals gönnen wird, jedenfalls nicht öffentlich: Genugtuung.

Wir haben es von Anfang an gesagt, die wir uns früh auf Nouris Seite geschlagen haben: Gebt ihm die Zeit, die ihr eigentlich nicht habt. Aber gebt sie ihm trotzdem, weil es nicht seine Schuld ist, dass ihr ihn zu spät zum Boss ernannt habt.

Spätestens seit dem verdienten Sieg in Freiburg kann man sagen, dass das #teamnouri recht behalten hat. Er kann viel mehr als nur begeistern. Er hat eine klare Vorstellung vom Spiel, und vor allem: Er kann sie auch vermitteln. Er  ist  nicht nur Stratege, sondern auch Pädagoge. Und er ist nicht nur Pädagoge, sondern auch Teambuilder. Er ist in der Lage, das Potential seines Kaders zu erkennen, einschließlich dessen Begrenzungen, und das zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzufügen.

Und deshalb ist der Satz: ‚Auf den Trainer und das System kommt es gar nicht so an.‘ im Falle von Nouri falsch, obwohl er ihn sogar selber so oder so ähnlich gesagt hat. Klar, auch Frank Baumann gebührt Anerkennung, weil er den Kader klug und stimmig zusammengestellt hat. Und dass auch er allmählich die Früchte seiner Arbeit zu ernten beginnt, sei ihm herzlich gegönnt. Trotzdem holt Nouri gerade für Baumann die Kastanien aus dem Feuer. Es sieht danach aus, dass Baumanns verspäteter Rauswurf von Skripnik sich nicht rächen wird.

Sicher wissen können wir das aber noch nicht. Die Saison ist nicht zu Ende und die Konkurrenz im Kampf um den Klassenerhalt ist namhaft. Wolfsburg, Leverkusen und Schalke sind alle noch im Rennen, auch die wackeren Mainzer stecken wieder drin, und ausgerechnet der desolate HSV findet zurück zu einer Art Form und wird ebenfalls zu einem echten Konkurrenten.

Trotzdem dürfen wir Grün-Weißen optimistisch sein. Wir haben einen guten Kader, ein echtes Team und einen Trainer, der weiß, was er tut. Morgen geht’s gegen Schalke. Und ehrlich, ich hab richtig Bock auf dieses Spiel.

Werder Bremen : RB Leipzig – 3:0

In einer Phase der zweiten Hälfte der Partie gegen RB stellte sich plötzlich ein merkwürdiges Gefühl ein. Es war eine bekannte Empfindung, aber sie war schon so lange nicht mehr aufgetreten, dass sie sich völlig neu anfühlte. Die Zuschauer im Bremer Weserstadion müssen es auch gefühlt haben, denn wenig später stimmten sie ‚O wie ist das schön‘ an, dieses Lied, das man nur in vollkommen glücksbesoffenen Momenten als Fußballfan singt.

Werder hatte den Gegner im Griff. Sie hatten ein packendes Duell auf Augenhöhe bestritten und mit einigen gekonnten Zügen die anderen an den Rand einer Niederlage gebracht. Jetzt lagen sie zweizunull vorne und kontrollierten das Geschehen.

Ich weiß natürlich, dass es so nicht über die gesamte Dauer des Spieles war. In der ersten Halbzeit wackelte vor allen Dingen die Innenverteidigung bedenklich. Sané leistet sich zwei, drei groteske Abspielfehler, einmal setzte er den starken Wiedwald mit einem unsinnigen Rückspiel unter Druck, der den Ball gerade noch zu Moisander spielen konnte, der ihn schnell weiter zu Bauer passte, der ihn daraufhin an den Gegner verlor. Das waren brenzlige Minuten, in denen alles auf der Kippe stand.

Aber von Anfang an imponierend war Werders Raumaufteilung, die Art, wie sie den Platz beherrschten, die Halbräume schlossen und so gefährliche Männer wie Forsberg oder Werner weitestgehend (so ganz geht es eben nie) ausschalteten.

Das erste Tor durch Junuzovic könnte man glücklich nennen. Das muss man aber nicht. Man könnte auch sagen, dass er, und nicht nur er, in diesem Moment zeigte, was Werder mittlerweile drauf hat. Der Angriff war Ausdruck eines perfekten Umschaltens, Werder schlug Leipzig mit den eigenen Mitteln. Wie der Österreicher den in die Mitte gespielten Ball vom Außenrist zurück zu Bauer nach links außen tropfen ließ, war zum Zungeschnalzen. Bauers erste Flanke verfehlte noch den Adressaten und wurde aus der Gefahrenzone wieder herausgeköpft, aber Junuzovic ergatterte den Ball, und zwar von den eigenen Teamkollegen, und drosch ihn mit einer Mischung aus Vollspann und Außenrist in einer schön beschriebenen Kurve neben den Pfosten. Das hatte europäische Klasse. Überhaupt zeigte Zlatko in diesem Match, zu was er fähig ist, wenn der Abstiegskampf es mal zulässt.

Ich sage es ganz offen: In Nouris neues System mit Dreierkette habe ich mich von Anfang an verliebt.  Aber als ich vor dem Spiel die Aufstellung betrachtete, war ich überhaupt nicht einverstanden. Bartels wieder als hängende Spitze? Grillitsch als Achter auf der rechten Seite? Gebre Selassie auf rechts außen? Und Veljkovic? Für mich stand fest, dass die rechte Seite die Achillesverse sein würde. Der Tscheche hatte zuletzt nie sehr gut ausgesehen. Und Veljkovic hatte immer wieder Probleme mit seinem Stellungsspiel gehabt. Und dass Bartels auf der rechten Außenbahn am wertvollsten ist, hat er längst bewiesen.

Die ersten Minuten des Spieles schienen mich zu bestätigen. Gebre Selassies schlimmer Abspielfehler ins Zentrum, der ein Umschalten der Leipziger einleitete. Grillitschs übliche Probleme mit der Geschwindigkeit. Ein paar Wackler von Veljkovic. Aber dann änderte sich die Lage. War es das Tor? Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls wurde der junge Verteidiger immer stabiler, bis er mit seiner Ruhe am Ball eine echte Bank im Aufbau war. Theo wurde ebenfalls sicherer, und Grillitsch kompensierte die fehlende Schnelligkeit mit überragender Technik und wunderbaren Zuspielen.

Und dann war da ja noch Delaney. Dieses dänische Powerhouse. Wie kann es sein, dass ein einziger Spieler in der Zentrale das Niveau einer ganzen Mannschaft so anhebt? Ja sicher, es ist eine Fußballweisheit, dass Spiele im Zentrum gewonnen werden, aber eine derartige Steigerung? Einer ganzen Mannschaft? Bemerkenswert!

Häufig ist es ja so, dass defensive Mittelfeldspieler, die von hinten heraus agieren und dirigieren, nicht so sehr ins Auge fallen. Sie halten den Ball am Laufen, bringen ihre Mitspieler in Position, verlagern das Spiel mittels kurzer und langer Pässe, usw. Delaney dagegen fällt immer auf. Gerade eben hat er sich noch in einen Zweikampf geworfen, da leitet er mit einem Pass schon wieder den nächsten Angriffszug ein. Wenn man ihm zuschaut, denkt man unwillkürlich an die Zeiten damals auf dem Bolzplatz zurück, als wir Jungs waren und von einer großartigen Zukunft als Fußballstars träumten. Wir alle wünschten uns, so ein Delaney zu sein, einer der von Box zu Box marschiert und das Spiel an sich reißt. Werder mit Delaney ist es etwas völlig anderes als Werder ohne Delaney.

Ja, Nouri hat recht behalten mit seiner Aufstellung und seiner taktischen Ausrichtung. Und das nicht nur am Samstag. Er hat schon seit geraumer Zeit recht behalten. Es stimmt, dass er vereinzelt Fehler gemacht hat. Aber im Großen und Ganzen hat er es geschafft, aus einer verunsicherten Mannschaft ohne Plan ein gefestigtes Team zu formen, das einer klaren Idee folgt. Und wer immer ihn kritisiert, mag sich vergegenwärtigen, dass das schon dem späten Thomas Schaaf nicht mehr geglückt ist. Und seit ihm niemandem mehr. Dass die Bremer seit langer Zeit endlich wieder einen Fußball spielen, der dem Niveau der Liga gerecht wird, ist Nouris Verdienst.

Allen voran darf die Geschäftsführung sich glücklich schätzen, dass die Resultate seiner Arbeit endlich sichtbar werden, jetzt, wo der Abstiegskampf zwischen der Hälfte aller Teams ausgetragen wird und in seine entscheidende Phase geht. Denn der verspätete Rauswurf von Skripnik hat die Entwicklung des Teams beträchtlich verzögert. Dass Werder so weit unten in der Tabelle steht, verdanken wir der katastrophalen Hinrunde und einer viel zu spät eingeleiteten Aufbauarbeit.

Jetzt aber könnten die dunklen Jahre auch zu etwas gut sein. Denn im Gegensatz zu manchem anderen Team kann Werder Abstiegskampf. Sie haben in den vergangenen Spielzeiten ein ums andere Mal bewiesen, dass sie die nötige Mentalität haben, um unter dem Druck nicht einzuknicken, sondern über sich selbst hinauszuwachsen. In den nächsten Wochen wartet also noch das eine oder andere Drama auf uns. Hoffentlich mit positivem Ausgang für Werder.

Bayer Leverkusen : Werder Bremen – 1:1

Ich habe mir gerade das zweifelhafte Vergnügen gegönnt, noch einmal meine eigenen Spielkommentare vom Beginn der Saison zu überfliegen. Die Niederlagen gegen Bayern oder auch später gegen Gladbach – fußballerische Bankrotterklärungen einer desolaten und ratlosen Mannschaft. Mittlerweile gibt Werder ein völlig anderes Bild ab.

Ich bin wirklich erleichtert, das schreiben zu können, denn auch wenn die letzten Spiele gewonnen wurden, musste man sich angesichts der Spielweise Sorgen machen. Es war stellenweise sehr schlecht, was die Grün-Weißen boten. In Leverkusen war das völlig anders. Da zeigte sich Werder von der eigenen Spielidee überzeugt.

Möglicherweise ist diese Phase der Saison Nouris tatsächliche Reifeprüfung. Er und die Mannschaft scheinen sich gefunden zu haben, sie haben auch die schlechten Partien überstanden, mit Glück, aber auch mit großer Hingabe. Und in Leverkusen konnten wir tatsächlich so etwas wie eine gereifte Spielanlage bewundern. Die Statistik ist jedenfalls ziemlich beindruckend für ein Auswärtsspiel in der BayArena: eine Passquote von 84% (gleichauf mit Leverkusen), 52% gewonnene Zweikämpfe (eine der wichtigsten Statistiken überhaupt), nur 12 zugelassene Torschüsse – allerdings auch nur 11 selbst abgefeuerte.

Ja, es gab sie noch, die alten Patzer, zum Beispiel Gebre Selassies verunglückter Versuch zu klären, der das Gegentor einleitete. Und auch der Held des Tages Wiedwald, der völlig zurecht gelobt wird, hat dennoch mit einigen falschen Zuspielen Leverkusen zu neuen Chancen eingeladen. Es waren aber wenige Fehler, und sie wurden durch eine sehr stabil stehende Mannschaft fast immer wieder wettgemacht.

Das für mich auffälligste an Werders Auftritt war die gelungene Raumaufteilung. Hieran hatte es in der Vergangenheit immer und immer wieder gehapert, die Spieler hatten zu weit vom Gegner weggestanden oder sich zu sehr in deren Deckungsschaften aufgehalten. Diesmal stimmten Stellungsspiel und Laufwege erfreulich oft. Und die sehr engagierten Bremer konnten das gut ausnutzen, ja, sie konnten sogar Gnabrys Fehlen und Kruses Formschwäche kompensieren. Und das sagt viel aus, denn es waren doch gerade diese beiden, die in den vergangenen Spielen den Erfolg sicherten.

Merkwürdig fand ich, dass Nouri bei seiner Aufstellung auf einen echten Stoßstürmer verzichtet hat. Der Trainer konzentrierte sich in seiner Ausrichtung scheinbar ausschließlich auf das Mittelfeld, um der spielerischen Klasse Leverkusens etwas entgegensetzen zu können. Offensichtlich sah sein Matchplan keine schnellen Vorstöße aus der Tiefe vor, denn sonst hätte er Bartels auf die angestammte rechte Seite gestellt und nicht in den Sturm. Das funktionierte schon irgendwie, aber es sprangen dabei eben keine Tormöglichkeiten heraus.

Ich kann das nachvollziehen. Als Mannschaft im Abstiegskampf ist es legitim, sich im Hinblick auf Torabschlüsse auf die Standards zu konzentrieren. Vielleicht dachte der Trainer, dass bei spielerischer Ebenbürtigkeit Freistoßmöglichkeiten in aussichtsreicher Position zwangsläufig folgen würden. Das hätte ja auch beinahe geklappt, als Gebre Selassie schon sehr früh wuchtig aufs Tor köpfte.

Am Ende musste es dann aber doch der alte Claudio richten, in typischer Mittelstürmermanier. Der Matchplan musste geändert werden, und die Änderung brachte den gewünschten Erfolg.

Ich kann es vielleicht nicht beurteilen, mir hat nur Werders Spiel noch besser gefallen, als Bartels Gebre Selassies Position übernahm und als Kainz über links vorstoßen durfte. Da hatte es noch mehr Zug zum Tor, da war es ansehnlicher und gefährlicher.

Des Trainers Vertauen in Veljkovic und Eggestein ist löblich. Wenn jetzt aber die Mannschaft endlich gefestigt ist, wie sie selber sagt, dann würde ich mich freuen, wenn er auch Kainz und Johannsson reelle Chancen einräumen würde. Ich finde, sie hätten es verdient. Und Werders Spiel könnte nur profitieren.

Werder Bremen : Darmstadt 98 – 2:0

Wer Werder liebt, der darf sich über die Punkte gegen Wolfsburg und Darmstadt freuen. Neun Punkte aus drei Spielen, das ist eine beeindruckende Bilanz! Aber wer den Fußball liebt, der kann eigentlich nur den Kopf schütteln. Was die Bremer in den vergangen zwei Partien abgeliefert haben, war phasenweise grässlich, beinahe empörend.

Man ist als Werder-Fan ja einiges gewöhnt. Wir halten zu unserem Team, egal ob es gut oder schlecht spielt und auch wenn es seit Jahren gegen den Abstieg geht. Aber Andi Herzog hatte schon recht, als er vor einigen Wochen im ‚Doppelpass‘ sagte, es sei schön, dass die Fans so hinter dem Verein stünden. Aber man müsse sich klar machen, dass, wenn auch mittelmäßige bis schlechte Leistungen bejubelt würden, das eine ganze Menge über die Erwartungshaltung aussagen würde – oder darüber, dass die Fans eben so gut wie nichts mehr von der Mannschaft erwarten. Und das könne ja wohl auch nicht der Anspruch sein.

Er hat recht. Die Mannschaft ist stark genug, um nicht wieder Fanaktionen der vergangenen Spielzeiten zu benötigen, die sie über das Leistungslimit hinauspushen. Sie ist stärker als in der letzten Saison. Und ehrlich gesagt macht deshalb so eine Leistung wie gegen Darmstadt (oder gegen Wolfsburg) einem Werderfan echte Sorgen. Da gibt es nichts zu jubeln, auch wenn Wiedwald die Ost-Kurve lobte, weil sie als einzige in der Halbzeitpause nicht gepfiffen hätte.

Wahrscheinlich hat die Mannschaft den Erwartungsdruck gespürt, hat ihn sich natürlich selbst gemacht. Das Spiel gegen Wolfsburg saß ihr noch in den Knochen. Und nun war der Tabellenletzte zu Gast, und sie wusste, dass alle den Dreier erwarten, ja, sie hat ihn selbst von sich erwartet, und damit eine Serie, wie Werder sie schon seit langem nicht mehr hinbekommen hat, eine Serie von drei gewonnen Spielen. Und dieser Erwartungsdruck blockierte Kopf und Beine.

Natürlich ist das irgendwie nachvollziehbar. Aber das lässt auch auf eine schlechte mentale Einstellung schließen. Denn abgesehen davon, dass es diesmal besonders schlimm war, ist ein zögerlicher Beginn inzwischen ein wiederkehrendes Muster. Werder beginnt unter Nouri häufig vorsichtig und steigert sich erst im Lauf des Spiels. Nicht immer, aber zu häufig gehören die ersten fünfzehn Minuten dem Gegner. Und das ist ein schlechtes Zeichen. Taktisch scheint die Mannschaft gut ausgerichtet zu sein. Hier erlaubt sich der Trainer selten einen Fehler. Aber was die Motivation angeht, stellen sich Fragen.

Vielleicht hat das auch mit einem etwas zu großen Respekt Nouris vor den erfahrenen Spielern zu tun. Zu den schwächsten gegen Darmstadt gehörten Junuzovic, Fritz und Pizarro. Bei Junu war es sicher die Verletzung, die er sich früh zuzog, die ihn hinderte. Andererseits harmonierten er und Fritz tatsächlich noch nie besonders gut als Doppelsechs. Fritz hat vor allem neben Delaney gute Spiele gezeigt. Offenbar hat der Däne das, was Fritz fehlt, sie ergänzen sich perfekt. Bei Junuzovic und Fritz ist das nicht der Fall. Sie waren beide ausgesprochen schlecht. Dass sich ausgerechnet beide verletzten und Grillitsch und Eggestein übernehmen mussten, war für Werder ironischerweise ein Glücksfall – der Motorblock der Mannschaft wurde ausgetauscht, danach lief es besser. Mit den beiden jungen Spielern kam mehr Struktur ins Spiel. Gut, dass der Trainer den Mut hatte, Grillitsch zu bringen und nicht auf Nummer sicher zu gehen und sich für Veljkovic zu entscheiden, der defensiv stärker gewesen wäre.

Mit Pizarro musste man dagegen fast Mitleid haben. Und das ist nichts, was man einem älteren, verdienten Spieler wünscht. Es war offensichtlich, dass er kein Vertrauen in den eigenen Körper hatte. Seine Bewegungen waren geradezu unbeholfen. Und selbst in den wenigen engen Situationen, in denen er den Ball hielt und dann weiterpassen sollte, war er ungeschickt. Dabei sind das die Situationen, in denen er bisher seine ganze Erfahrung zeigen konnte. Ihn aufzustellen bedeutete, auf einen Mann zu verzichten. Und auch hier muss Nouri sich fragen lassen: Warum? Warum Pizarro? Warum nicht Johannsson? Warum nicht einen Spieler aufstellen, der vielleicht nicht verdient, vielleicht nicht genauso begabt, aber dafür immerhin FIT ist?

Zum Glück holte er den Elfmeter heraus, aber eigentlich tat er das ja gar nicht. Er trat über den Ball, in einer Situation, in der er das Tor machen musste, und wurde dann umgetreten. Natürlich, man könnte sagen, Pizarro stand genau richtig, weil er Pizarro ist, und wäre es nicht Pizarro gewesen, hätte der Darmstädter erst gar nicht die Grätsche ausgepackt. Wer weiß das schon?

Die zweite Hälfte war besser, aber sie war nicht gut, wie Björn Knips ganz richtig heute in der Kreiszeitung schreibt. Sie reichte dennoch. Also Mund abputzen und nach vorne schauen.

Die kommenden Gegner werden schwerer, und das ist eine gute Nachricht, denn dadurch werden sie gleichzeitig leichter. Gegen Darmstadt war Werder der Favorit. Mit dieser Rolle kommt die Mannschaft überhaupt nicht zurecht. Sie ist lieber der Underdog. Sie überließ ja sogar Darmstadt über weite Strecken das Spiel! Am besten ist sie dann, wenn der Erwartungsdruck, der eigene und der der Fans, nicht allzu hoch ist.

Außerdem wird hoffentlich wieder Thomas Delaney an Bord sein. Obwohl der unerschrockene Däne erst seit so kurzer Zeit im Kader ist, macht sich sein Fehlen schmerzlich bemerkbar. Es ist genau dieser Spielertyp, der Werder in den vergangenen Matches im Zentrum fehlte – einer, der weder Angst vor dem Gegner noch vor den Schmerzen noch vor sich selbst hat. Hoffen wir, ganz eigennützig, dass er bald wieder auf dem Platz steht.

1. FSV Mainz 05 – Werder Bremen

Nouri hat recht behalten. Der Trainer hatte immer wieder bekräftigt, dass gute Leistung früher oder später gute Ergebnisse mit sich bringen würde. Und diesmal, in Mainz, war es so weit.

Dabei war Werder nur für eine Halbzeit die bessere Mannschaft. In der zweiten haben sie vor allem bravourös und endlich einmal erfolgreich verteidigt. Und trotzdem machten sie von Anfang an den Eindruck, voll da zu sein, selbstbewusst zu sein, absolut gewillt zu sein, an diesem Nachmittag die drei Punkte mit nach Bremen zu nehmen.

Die Zeitungen haben in den vergangenen Tagen viel über den Systemwechsel zurück zum Viervierzwei geschrieben. Zurecht, auch ich war erleichtert, als ich die Aufstellung las. Aber vielleicht zeigt das auch, dass unser Vertrauen in die Kompetenz des Trainers ein wenig gelitten hat, wenn wir so viel über das System nachdenken. Das vergangene Spiel gegen Gladbach ging ja wohl deshalb verloren, weil Nouri sein Team nicht auf die Konterstärke der anderen eingestellt zu haben schien. Jedenfalls war sein Fünfdreizwei zu anfällig. Und man fragte sich hinterher, ob ein herkömmliches Viervierzwei, wie die Gladbacher es spielten, nicht doch erfolgversprechender gewesen wäre.

Diesmal machte er es anders. Vielleicht kann man sagen: Natürlich machte er es anders. Er hat seine Fachkompetenz doch schon längst unter Beweis gestellt, er wusste, dass die Mainzer eine Kontermannschaft sind, die Probleme haben, das Spiel selber zu machen. Also überließ er es ihnen und sorgte dafür, dass die Flanken gut verteidigt wurden. Erst eine Viertelstunde vor Schluss stellte er auf ein Fünfdreizwei-artiges System um, bei dem aber keine Ketten pendelten, sondern wo jeder ziemlich genau seinen Platz kannte.

Bei den vergangenen Niederlagen waren es individuelle Fehler, die den Ausschlag gaben. Diesmal waren es individuelle Leistungen, die den Sieg garantierten, ob das Wiedwalds Paraden waren oder die wunderschönen Tore von Gnabry und Delaney.

Überhaupt Gnabry. Sein Spiel in Mainz war großartig! Er glänzte weniger durch einzelne Aktionen als sonst, rackerte dafür aber mehr. Er spielte lustvoll, mannschaftsdienlich und war auch defensiv unglaublich aktiv. Auf mich wirkte es so, als hätten Spieler und Trainer endlich die Position gefunden, die zu ihm passt, nämlich als hängende Spitze. Eigentlich als zweite hängende Spitze, denn auch wenn Max Kruse der nominelle Mittelstürmer war, ist das, was er als Spitze spielt, ja auch immer ‚hängend‘. Es waren also zwei, die sich immer wieder fallen ließen und die schnellen Gegenstöße aus der Zentrale heraus anführten. Beide ergänzten sich toll, und beide verstärkten auch das Zentrum sehr gut.

Nach diesem Sieg fällt es natürlich viel leichter, das zu sagen, aber es stimmt trotzdem: Nouris Weg bestätigt sich. Von den vergangenen fünf Spielen war nur eines schwach, und zwar das gegen Gladbach. Auch wenn seine Aufstellungen nicht immer nachvollziehbar sind (zum Beispiel sein Festhalten an Garcia oder das Einbinden von U. Garcia in eine Dreierkette), auch wenn er mal taktisch daneben liegt (zum Beispiel gegen Gladbach), so wird seine Arbeit doch dadurch bestätigt, dass sich die Leistung des Teams graduell, aber kontinuierlich verbessert. Das ist nicht mehr Skripniks Werder. Das ist inzwischen Nouris Werder. Und dieses Werder steht zwar immer noch kurz vor dem Abstieg. Es hat aber andererseits alle Möglichkeiten in der Hand, ihn zu verhindern.

Werder Bremen : M’Gladbach – 0:1

Das heute war das Spiel der Spiele. Nach der Niederlage in Augsburg ging es nur um eines, nämlich darum, die Leistung des vergangenen Spieles zu wiederholen, sich diesmal aber nicht selbst zu schlagen und die eigenen Chancen zu erzwingen. Die Mannschaft wusste das, der Trainer wusste das – und sie verkrampften total.

So groß war die Angst vor einem Misserfolg, dass Nouri auf Garcia setzte, einzig deshalb, weil er in der Vergangenheit auf Garcia gesetzt hatte. Es kann unmöglich die bisherige Saisonleistung des Argentiniers gewesen sein, die den Ausschlag dafür gab, denn bisher hat er noch kein einziges Mal bewiesen, dass er für die Bundesliga gut genug ist. Auch diesmal tat er es nicht.

Nouri setzte wieder auf das Dreifünfzwei. Nachvollziehbar, wenn man an die Leistung in Augsburg denkt, aber, wie sich schnell zeigte, ein Fehler. Denn die völlig indisponierte Abwehr konnte es nicht spielen. Und ein gewisses, aber sehr fragiles Übergewicht im Mittelfeld brachte nicht viel ein, weil Werder die Zweikämpfe verlor, und beim Umschalten der Gladbacher viel zu langsam reagierte.

Wie gegen Augsburg ließ sich die Fünferkette beim Gegentreffer auseinanderziehen. Veljkovic, Sané, Moisander, Bauer, Garcia – es war zum Kotzen. Derart stümperhaftes Verhalten kann man eigentlich nicht mehr mit Verunsicherung erklären. Es sah viel mehr so aus, als wären weder Sané noch Moisander, die designierten Bosse des Abwehrverbundes, die angeblichen Führungsspieler, fit. Bauer war der einzige Abwehrspieler, der defensiv gut stand, wenn er auch offensiv immer noch viel zu wünschen übrig lässt. Da war er nicht der einzige. Sanés und Moisanders Spielaufbau war stellenweise haarsträubend schwach.

Der Systemwechsel nach der Halbzeit kam zu spät. Er wurde erzwungen durch Veljkovicss Verletzung und Garcias katastrophaler Vorstellung. Herein kam Gebre Selassie, der sich von der allgemeinen Verunsicherung anstecken ließ und nicht nachweisen konnte, was er im Kader einer Bundesligamannschaft zu suchen hat.

Es macht keinen Spaß über das Spiel zu schreiben, deshalb mache ich es kurz: Junuzovic und Gnabry wussten mit ihren Fähigkeiten nichts anzufangen, Bartels bemühte sich, aber er ist kein Mittelstürmer und wird auch niemals einer, Kruse tat was er konnte, aber auch das war im Effekt überschaubar. Einzig Delaney, wieder einmal, schien begriffen zu haben, dass es bei diesem Spiel um den Verbleib in der Liga ging.

Ich habe meinen letzten Artikel sehr optimistisch abgeschlossen. Das nehme ich zurück. Werder wurde vielleicht nicht an die Wand gespielt, aber sie machten auch nie den Eindruck, dass sie das Spiel noch drehen konnten. Man musste im Gegenteil jederzeit damit rechnen, dass die Gladbacher noch einen ihrer schönen Konter fahren würden, um das Spiel vollends einzusacken. Das Nullzueins jedenfalls ging völlig in Ordnung. Und an der Weser ist es ab heute zappenduster.

Rein rechnerisch lässt sich der Abstieg noch verhindern. Dafür aber müsste die Mannschaft aufhören, von der eigenen Qualität zu schwärmen und den Ernst der Lage erkennen. Insbesondere die Innenverteidiger stehen in der Verantwortung, ihren hochtrabenden Worten aus der Vergangenheit endlich Taten folgen zu lassen. Und Nouri, für den ja jede Situation in dieser Saison die erste ist, muss dafür sorgen, dass die Spieler seine Idee vom Fußball umsetzen. Mannschaft und Trainer haben einen Charaktertest zu bestehen. Heute sind sie durchgefallen.

FC Augsburg : Werder Bremen – 3:2

Das Wichtigste zuerst: Werder wird nicht absteigen. Ich muss das gleich zu Beginn loswerden, weil der Chor der Verzweifelten und Schon-Immer-Besser-Gewusst-Habenden so unglaublich laut ist, dass es fast hysterisch anmutet.

Natürlich war die gestrige Niederlage katastrophal: Sie war unnötig, dämlich, und sie ist hochgefährlich. Niemals hätte sie nach diesem Spielverlauf passieren dürfen. Aber ich persönlich würde Angst um Werders sportliche Zukunft haben, wenn ich den letzten Satz nicht hätte schreiben können. Wenn er nämlich wie fast immer in den vergangenen Jahren hätte heißen müssen: Der Spielverlauf ließ leider kein anderes Ende zu, Werder verlor mal wieder völlig verdient.

Man muss es festhalten, allen Unkenrufen und wiesischen Besserwissern zum Trotz: So gut wie in den vergangenen drei Spielen hat Werder schon lange nicht mehr gespielt. Es gab da nur ein paar entscheidende Fehler, fast alles  individuelle Fehler, bis auf einen, leider ebenfalls entscheidenden, den der Trainer zu verantworten hat:

Nouri stand vor einer schwierigen Wahl. Die personelle Situation erzwang sie sozusagen, denn Moisander war verletzt, und Garcia war gesperrt. Die Frage war, ob der Trainer im zuletzt sehr stabilen Dreierketten-System spielen lassen würde oder ob er doch zu einer Grundformation mit Viererkette zurückkehren würde. In der Viererkette wären Sané und Veljkovic als Innenverteidiger gesetzt gewesen und Gebre Selassie und Bauer als Außenverteidiger. Diese Spieler hätten sich in ihren Aufgabenbereichen sofort zurechtgefunden, weil sie sie schon häufig gespielt haben.

Was Nouri aber am Dreifünfzwei so liebt, ist die Positionierung auf dem Feld. Mit dieser Aufstellung beherrscht die Mannschaft die Räume und, wenn es gut läuft, den Gegner. Genauso war es gestern auch. Um diesen Effekt aber zu erzielen, musste er ein Risiko eingehen, er musste eine Dreierkette auf den Platz schicken, die noch nie zusammen gespielt hatte. Und das schwächste Glied der Kette war Ulisses Garcia.

Nouri ist ein risikofreudiger Trainer, das hat er schon mehrmals bewiesen. Und so entschied er sich für diese Variante. Wie die Sache ausging, ist bekannt: Werder beherrschte das Spiel, weil sie nach anfänglichen Schwierigkeiten Raum und Gegner im Griff hatten, auch wenn sie sich gegen die sehr kompakte Augsburger Defensive schwertaten. Und dann machten sie im Abwehrverhalten die entscheidenden Fehler, die, wie ich meine, allesamt Abstimmungsfehler waren. Und zwei Mal sah ausgerechnet der junge Schweizer sehr, sehr schlecht aus, beim ersten Mal, weil er von Sané im Stich gelassen wurde (Sané übergab Bobadilla gewissermaßen an Garcia und verlor dann Schmid aus den Augen, den er, als der erst einmal an ihm vorbeigezogen war, nicht mehr einholen konnte) und beim zweiten Mal, weil er erneut völlig eingelassen keine Abwehrchance gegen den kräftigen Argentinier hatte.

Die Flanke zum Zweizuzwei verhinderte, wenn ich mich nicht irre, Gebre Selassie nicht, sie kam jedenfalls von dort, wo er hätte sein sollen. Und das ist der eine Teil der Geschichte, das nämlich in der Defensive das zuletzt stabile System nicht stabil war, weil die Neuen im Team mit den Alten im entscheidenden Moment nicht harmonierten.

Das ist nachvollziehbar. Es gibt etwas, was ein Vereinsfunktionär wie Baumann nicht vor den Kameras sagen darf, was aber ein unabhängiger Blogger ungestraft schreiben kann: Nouri leistet in der Defensivarbeit mit diesem Team Pionierarbeit. Was er beim Amtsantritt vorfand, war absolutes Brachland. Die vorhergegangenen Trainer haben ihm im Prinzip nichts hinterlassen, worauf er hätte aufbauen können. Werder hat nun unter ihm zu defensiver Stabilität gefunden, aber das Gebilde ist immer noch so fragil, dass einige personelle Ausfälle die ganze Sache wieder ins Wanken bringen.

Natürlich hätte er anstelle von Garcia einen erfahreneren Mann einsetzen können: Gebre Selassie nämlich. Und ehrlich gesagt habe ich das auch erwartet, dass die beiden spätestens nach der Halbzeit die Rollen tauschen würden. Schließlich wurde schon in den ersten Minuten klar, dass die Augsburger den Schweizer als Schwachstelle erkannt hatten. Dass Nouri das nicht tat, muss man ihm ankreiden. Für meine Begriffe ist das ein Coaching-Fehler, und deshalb ist er auch für die Niederlage mitverantwortlich. Er hat zu hoch gepokert und verloren.

Aber er ist nicht alleine verantwortlich, denn er wurde nicht nur von seinem defensiven, sondern auch seinem offensiven Personal im Stich gelassen. Ich sag es ganz offen, mir geht die Lobhudelei von Gnabry auf die Nüsse. Was er an Technik und Schnelligkeit vorzuweisen hat, das fehlt ihm an Mannschaftsdienlichkeit und Übersicht. Gnabry ist ein Wunderkind, das keinen Bock hat, beim normalen Schulunterricht mitzumachen, weil ihm alles irgendwie zu doof ist. In beinahe jedem Spiel übersieht er den besser positionierten Kruse, der dann immer nur hilflos die Arme heben kann, er spielt den Ball in viel zu enge Gassen, wenn sich in seinem Rücken ein Kollege anbietet, er sucht den Abschluss, wenn eigentlich nur ein Zauberschuss wirklich erfolgreich sein kann – und dann wird er von den Redakteuren gefeiert. Viel zu häufig verlässt er sich auf seine überragende Technik, weil er nicht kapiert hat, dass im modernen Fußball die Mannschaft der Star ist. Natürlich kann man das einem jungen Mann nachsehen, aber man soll ihn dafür nicht auch noch loben.

Die Kreiszeitung bewertet den Mittelfeldmotor Delaney, der dafür gesorgt hat, dass Werder das Mittelfeld beherrschte, mit einer Vier, weil er einen nicht zu verteidigenden Ball nicht verteidigte (in dem Moment, in dem der Ball unterwegs in den Strafraum ist, kann nur noch ein Fehler des Stürmers Schlimmeres verhindern), gesteht Gnabry aber eine 3,5 zu, weil der den Elfmeter rausholte. Das ist peinlich und verkennt die Tatsachen. Aufgrund der Dominanz im Mittelfeld, hätten früher oder später die Tore fallen müssen. Man kann den, der die nötige Vorarbeit leistet, nicht schlechter beurteilen als den, der die Vorarbeit nicht zu nutzen weiß.

Die Offensive ließ Nouri im Stich, als sie es versäumte, ein weiteres Tor zu machen und den Sack zuzumachen. Hätte sie das getan, hätte der Trainer mit seinen Entscheidungen recht behalten. So aber setzte er zu großes Vertrauen in den Entwicklungsfortschritt seiner Mannschaft und wurde bestraft.

Und trotzdem! Trotzdem ist das das beste Werder, das wir seit langem zu sehen bekommen. Ich wiederhole mich: Dass der Verein in den Abstiegskampf gehen würde, war in dem Moment klar, als die sportliche Leitung an Viktor Skripnik festhielt. Ich glaube aber genau wie Alexander Nouri, dass gute Leistung irgendwann belohnt werden wird.

Nachdem sich also alle kräftig ausgeheult haben, sollte man genauso weitermachen wie bisher. Werder wird nicht absteigen.