Werder Bremen : M’Gladbach – 0:1

Das heute war das Spiel der Spiele. Nach der Niederlage in Augsburg ging es nur um eines, nämlich darum, die Leistung des vergangenen Spieles zu wiederholen, sich diesmal aber nicht selbst zu schlagen und die eigenen Chancen zu erzwingen. Die Mannschaft wusste das, der Trainer wusste das – und sie verkrampften total.

So groß war die Angst vor einem Misserfolg, dass Nouri auf Garcia setzte, einzig deshalb, weil er in der Vergangenheit auf Garcia gesetzt hatte. Es kann unmöglich die bisherige Saisonleistung des Argentiniers gewesen sein, die den Ausschlag dafür gab, denn bisher hat er noch kein einziges Mal bewiesen, dass er für die Bundesliga gut genug ist. Auch diesmal tat er es nicht.

Nouri setzte wieder auf das Dreifünfzwei. Nachvollziehbar, wenn man an die Leistung in Augsburg denkt, aber, wie sich schnell zeigte, ein Fehler. Denn die völlig indisponierte Abwehr konnte es nicht spielen. Und ein gewisses, aber sehr fragiles Übergewicht im Mittelfeld brachte nicht viel ein, weil Werder die Zweikämpfe verlor, und beim Umschalten der Gladbacher viel zu langsam reagierte.

Wie gegen Augsburg ließ sich die Fünferkette beim Gegentreffer auseinanderziehen. Veljkovic, Sané, Moisander, Bauer, Garcia – es war zum Kotzen. Derart stümperhaftes Verhalten kann man eigentlich nicht mehr mit Verunsicherung erklären. Es sah viel mehr so aus, als wären weder Sané noch Moisander, die designierten Bosse des Abwehrverbundes, die angeblichen Führungsspieler, fit. Bauer war der einzige Abwehrspieler, der defensiv gut stand, wenn er auch offensiv immer noch viel zu wünschen übrig lässt. Da war er nicht der einzige. Sanés und Moisanders Spielaufbau war stellenweise haarsträubend schwach.

Der Systemwechsel nach der Halbzeit kam zu spät. Er wurde erzwungen durch Veljkovicss Verletzung und Garcias katastrophaler Vorstellung. Herein kam Gebre Selassie, der sich von der allgemeinen Verunsicherung anstecken ließ und nicht nachweisen konnte, was er im Kader einer Bundesligamannschaft zu suchen hat.

Es macht keinen Spaß über das Spiel zu schreiben, deshalb mache ich es kurz: Junuzovic und Gnabry wussten mit ihren Fähigkeiten nichts anzufangen, Bartels bemühte sich, aber er ist kein Mittelstürmer und wird auch niemals einer, Kruse tat was er konnte, aber auch das war im Effekt überschaubar. Einzig Delaney, wieder einmal, schien begriffen zu haben, dass es bei diesem Spiel um den Verbleib in der Liga ging.

Ich habe meinen letzten Artikel sehr optimistisch abgeschlossen. Das nehme ich zurück. Werder wurde vielleicht nicht an die Wand gespielt, aber sie machten auch nie den Eindruck, dass sie das Spiel noch drehen konnten. Man musste im Gegenteil jederzeit damit rechnen, dass die Gladbacher noch einen ihrer schönen Konter fahren würden, um das Spiel vollends einzusacken. Das Nullzueins jedenfalls ging völlig in Ordnung. Und an der Weser ist es ab heute zappenduster.

Rein rechnerisch lässt sich der Abstieg noch verhindern. Dafür aber müsste die Mannschaft aufhören, von der eigenen Qualität zu schwärmen und den Ernst der Lage erkennen. Insbesondere die Innenverteidiger stehen in der Verantwortung, ihren hochtrabenden Worten aus der Vergangenheit endlich Taten folgen zu lassen. Und Nouri, für den ja jede Situation in dieser Saison die erste ist, muss dafür sorgen, dass die Spieler seine Idee vom Fußball umsetzen. Mannschaft und Trainer haben einen Charaktertest zu bestehen. Heute sind sie durchgefallen.

FC Augsburg : Werder Bremen – 3:2

Das Wichtigste zuerst: Werder wird nicht absteigen. Ich muss das gleich zu Beginn loswerden, weil der Chor der Verzweifelten und Schon-Immer-Besser-Gewusst-Habenden so unglaublich laut ist, dass es fast hysterisch anmutet.

Natürlich war die gestrige Niederlage katastrophal: Sie war unnötig, dämlich, und sie ist hochgefährlich. Niemals hätte sie nach diesem Spielverlauf passieren dürfen. Aber ich persönlich würde Angst um Werders sportliche Zukunft haben, wenn ich den letzten Satz nicht hätte schreiben können. Wenn er nämlich wie fast immer in den vergangenen Jahren hätte heißen müssen: Der Spielverlauf ließ leider kein anderes Ende zu, Werder verlor mal wieder völlig verdient.

Man muss es festhalten, allen Unkenrufen und wiesischen Besserwissern zum Trotz: So gut wie in den vergangenen drei Spielen hat Werder schon lange nicht mehr gespielt. Es gab da nur ein paar entscheidende Fehler, fast alles  individuelle Fehler, bis auf einen, leider ebenfalls entscheidenden, den der Trainer zu verantworten hat:

Nouri stand vor einer schwierigen Wahl. Die personelle Situation erzwang sie sozusagen, denn Moisander war verletzt, und Garcia war gesperrt. Die Frage war, ob der Trainer im zuletzt sehr stabilen Dreierketten-System spielen lassen würde oder ob er doch zu einer Grundformation mit Viererkette zurückkehren würde. In der Viererkette wären Sané und Veljkovic als Innenverteidiger gesetzt gewesen und Gebre Selassie und Bauer als Außenverteidiger. Diese Spieler hätten sich in ihren Aufgabenbereichen sofort zurechtgefunden, weil sie sie schon häufig gespielt haben.

Was Nouri aber am Dreifünfzwei so liebt, ist die Positionierung auf dem Feld. Mit dieser Aufstellung beherrscht die Mannschaft die Räume und, wenn es gut läuft, den Gegner. Genauso war es gestern auch. Um diesen Effekt aber zu erzielen, musste er ein Risiko eingehen, er musste eine Dreierkette auf den Platz schicken, die noch nie zusammen gespielt hatte. Und das schwächste Glied der Kette war Ulisses Garcia.

Nouri ist ein risikofreudiger Trainer, das hat er schon mehrmals bewiesen. Und so entschied er sich für diese Variante. Wie die Sache ausging, ist bekannt: Werder beherrschte das Spiel, weil sie nach anfänglichen Schwierigkeiten Raum und Gegner im Griff hatten, auch wenn sie sich gegen die sehr kompakte Augsburger Defensive schwertaten. Und dann machten sie im Abwehrverhalten die entscheidenden Fehler, die, wie ich meine, allesamt Abstimmungsfehler waren. Und zwei Mal sah ausgerechnet der junge Schweizer sehr, sehr schlecht aus, beim ersten Mal, weil er von Sané im Stich gelassen wurde (Sané übergab Bobadilla gewissermaßen an Garcia und verlor dann Schmid aus den Augen, den er, als der erst einmal an ihm vorbeigezogen war, nicht mehr einholen konnte) und beim zweiten Mal, weil er erneut völlig eingelassen keine Abwehrchance gegen den kräftigen Argentinier hatte.

Die Flanke zum Zweizuzwei verhinderte, wenn ich mich nicht irre, Gebre Selassie nicht, sie kam jedenfalls von dort, wo er hätte sein sollen. Und das ist der eine Teil der Geschichte, das nämlich in der Defensive das zuletzt stabile System nicht stabil war, weil die Neuen im Team mit den Alten im entscheidenden Moment nicht harmonierten.

Das ist nachvollziehbar. Es gibt etwas, was ein Vereinsfunktionär wie Baumann nicht vor den Kameras sagen darf, was aber ein unabhängiger Blogger ungestraft schreiben kann: Nouri leistet in der Defensivarbeit mit diesem Team Pionierarbeit. Was er beim Amtsantritt vorfand, war absolutes Brachland. Die vorhergegangenen Trainer haben ihm im Prinzip nichts hinterlassen, worauf er hätte aufbauen können. Werder hat nun unter ihm zu defensiver Stabilität gefunden, aber das Gebilde ist immer noch so fragil, dass einige personelle Ausfälle die ganze Sache wieder ins Wanken bringen.

Natürlich hätte er anstelle von Garcia einen erfahreneren Mann einsetzen können: Gebre Selassie nämlich. Und ehrlich gesagt habe ich das auch erwartet, dass die beiden spätestens nach der Halbzeit die Rollen tauschen würden. Schließlich wurde schon in den ersten Minuten klar, dass die Augsburger den Schweizer als Schwachstelle erkannt hatten. Dass Nouri das nicht tat, muss man ihm ankreiden. Für meine Begriffe ist das ein Coaching-Fehler, und deshalb ist er auch für die Niederlage mitverantwortlich. Er hat zu hoch gepokert und verloren.

Aber er ist nicht alleine verantwortlich, denn er wurde nicht nur von seinem defensiven, sondern auch seinem offensiven Personal im Stich gelassen. Ich sag es ganz offen, mir geht die Lobhudelei von Gnabry auf die Nüsse. Was er an Technik und Schnelligkeit vorzuweisen hat, das fehlt ihm an Mannschaftsdienlichkeit und Übersicht. Gnabry ist ein Wunderkind, das keinen Bock hat, beim normalen Schulunterricht mitzumachen, weil ihm alles irgendwie zu doof ist. In beinahe jedem Spiel übersieht er den besser positionierten Kruse, der dann immer nur hilflos die Arme heben kann, er spielt den Ball in viel zu enge Gassen, wenn sich in seinem Rücken ein Kollege anbietet, er sucht den Abschluss, wenn eigentlich nur ein Zauberschuss wirklich erfolgreich sein kann – und dann wird er von den Redakteuren gefeiert. Viel zu häufig verlässt er sich auf seine überragende Technik, weil er nicht kapiert hat, dass im modernen Fußball die Mannschaft der Star ist. Natürlich kann man das einem jungen Mann nachsehen, aber man soll ihn dafür nicht auch noch loben.

Die Kreiszeitung bewertet den Mittelfeldmotor Delaney, der dafür gesorgt hat, dass Werder das Mittelfeld beherrschte, mit einer Vier, weil er einen nicht zu verteidigenden Ball nicht verteidigte (in dem Moment, in dem der Ball unterwegs in den Strafraum ist, kann nur noch ein Fehler des Stürmers Schlimmeres verhindern), gesteht Gnabry aber eine 3,5 zu, weil der den Elfmeter rausholte. Das ist peinlich und verkennt die Tatsachen. Aufgrund der Dominanz im Mittelfeld, hätten früher oder später die Tore fallen müssen. Man kann den, der die nötige Vorarbeit leistet, nicht schlechter beurteilen als den, der die Vorarbeit nicht zu nutzen weiß.

Die Offensive ließ Nouri im Stich, als sie es versäumte, ein weiteres Tor zu machen und den Sack zuzumachen. Hätte sie das getan, hätte der Trainer mit seinen Entscheidungen recht behalten. So aber setzte er zu großes Vertrauen in den Entwicklungsfortschritt seiner Mannschaft und wurde bestraft.

Und trotzdem! Trotzdem ist das das beste Werder, das wir seit langem zu sehen bekommen. Ich wiederhole mich: Dass der Verein in den Abstiegskampf gehen würde, war in dem Moment klar, als die sportliche Leitung an Viktor Skripnik festhielt. Ich glaube aber genau wie Alexander Nouri, dass gute Leistung irgendwann belohnt werden wird.

Nachdem sich also alle kräftig ausgeheult haben, sollte man genauso weitermachen wie bisher. Werder wird nicht absteigen.

Werder Bremen : FC Bayern – 1:2

Am vergangenen Sonntag mahnte Thomas Strunz im ‚Doppelpass‘ von Sport1: „Gegen Mannschaften wie Dortmund oder Bayern ist es leicht, gut auszusehen. Aber diesen Eindruck muss Werder jetzt auch gegen die kleineren Gegner bestätigen.“ Und Andreas Herzog pflichtete bei: „Es ist ja schön, dass das Publikum in Bremen so begeisterungsfähig ist, aber das zeigt natürlich auch, wie sehr die sportlichen Ansprüche bei Werder gesunken sind.“

Ja, ja. Das ist alles völlig richtig, aber natürlich auch die Perspektive zweier unbeteiligter Beobachter. Wir, die wir uns über das Einszuzwei gegen die Bayern freuen, haben in den vergangenen Jahren zusammen mit Werder die tiefsten und dunkelsten fußballerischen Täler durchschritten, die man sich vorstellen kann. Uns wurde eigentlich nur der Abstieg erspart, ansonsten mussten wir sämtliche Demütigungen über uns ergehen lassen, die es so gibt, ob das das mehrfache Ausscheiden im Pokal gegen Drittligisten war oder dass uns Aufsteiger taktisch überlegen waren oder ob wir von Bayern oder sonstwem in alle Einzelteile zerlegt wurden, nur um uns hinterher für das schöne Spiel zu bedanken – es ist alles dabei gewesen.

Über das Hinspiel vor einem halben Jahr habe ich geschrieben: „Ich persönlich konnte weder System noch Plan erkennen, das müssen andere machen, die  mehr Ahnung vom Fußball haben als ich. Was ich gesehen habe, war ein aufgescheuchter Haufen von Fußballern, bei denen sich manche am liebsten überhaupt nicht bewegen wollten, während andere hyperaktiv über den Platz stürmten.“ Das war am Samstag völlig anders. Es ist tatsächlich so, dass sich unter Alexander Nouri eine Entwicklung bestätigt, von der wir vor ein paar Monaten nicht zu träumen wagten. Die Mannschaft weiß, was sie zu tun hat, und sie ist in der Lage es umzusetzen. Die Defensive steht so sicher wie schon seit langer, langer Zeit nicht mehr. Und der Spielaufbau ist planvoll und folgt einem klaren Konzept.

Da MUSS man sich als Werderfan freuen. Und wer das nicht kapiert, der hat auch nicht begriffen, wie sehr wir in den vergangenen Jahren – ja, noch vor wenigen Monaten!  – im Arsch waren.

Natürlich bedeutet das nicht, dass Werder am Ende der Saison nicht absteigen wird. Thomas Tuchel hat es nach dem gestrigen Einszueins in Mainz erst wieder gesagt: Die Leistungsdichte in der Liga ist viel größer geworden, und die Liga ist insgesamt qualitativ besser geworden. Das heißt, dass alle Vereine, inklusive der Bayern, sich strecken müssen, um die jeweiligen sportlichen Ziele zu erreichen. Und Werders sportliches Ziel ist es, nicht abzusteigen. Ob das gelingt, lässt sich noch nicht sagen. Sollte es nicht gelingen, wird eine Ursache dafür das zögerliche Handeln der sportlichen Führung zu Beginn der Saison sein, als man den überforderten Skripnik noch durch die gesamte Sommerpause hindurch wurschteln ließ, anstatt die Notbremse zu ziehen. Es ist genauso gekommen, wie ich es in meinem Kommentar des Hinspieles gegen die Bayern schrieb: Die Wende zum Positiven setzt sehr spät, hoffentlich nicht zu spät ein. Da, wo man jetzt steht, hätte man schon während der Hinrunde stehen können, und das hätte mehr Punkte und einen besseren Tabellenplatz zur Folge gehabt. Unter den gegebenen Umständen werden wir bis zum Schluss zittern müssen. Mal wieder.

Aber gut, man soll die Feste feiern, wie sie fallen, und in dieser Woche gilt es festzuhalten, dass Werder Bremen unter Nouri endlich zu einer ernstzunehmenden Fußballmannschaft gereift ist. Die Spiele gegen Dortmund und Bayern haben das gezeigt. Und am nächsten Spieltag folgt die erste, echte Reifeprüfung gegen Augsburg. Freuen wir uns drauf.

Werder Bremen : Borussia Dortmund – 1:2

Hm.

Das Spiel der Bremer gegen den BVB ist wirklich nicht ganz leicht einzuordnen. Da gab es ganz, ganz schlimme Momente, vor allem in den ersten fünfzehn bis zwanzig Minuten, aber auch danach in einer längeren, eigentlich starken Phase, in der Werder ein durchaus ebenbürtiger Gegner war, wenn da nicht diese Abstimmungsprobleme gewesen wären, die immer wieder für kurzzeitiges Chaos im Bremer Spiel sorgten.

Die Kommunikationsfehler begannen schon mit der Aufstellung von Serge Gnabry. Heute Morgen ist in der Kreiszeitung zu lesen, dass Nouri nichts davon gewusst haben will, dass Gnabry sich schon am Morgen vor dem Spiel krank gefühlt hatte. Während des Spiels und kurz danach sah es so aus, als hätte sich der Trainer einen ganz üblen Coaching-Fehler geleistet, denn Gnabry war ja nicht nur schlecht und er leitete durch seinen Fehlpass ja nicht nur das frühe Gegentor ein, sondern seine Auswechslung noch vor der Pause brachte das Team um eine wichtige Wechsel-Möglichkeit, ein taktischer Nachteil, der gegen einen hochkarätigen Gegner schwer wiegt.

Wenn Gnabry seine Krankheit tatsächlich verschwiegen hat, gehört ihm der Kopf gewaschen. Wenn Nouri ihn trotz Erkrankung aufgeboten hat, dann hat er sich einen von mehreren Schnitzern geleistet. Denn auch die taktische Ausrichtung der Mannschaft zu Beginn des Spiels war schwer nachvollziehbar: Werder formierte sich zu einem Dreifünfzwei, in dem Garcia die bisherige Position Gnabrys an der linken Außenlinie übernahm, während der sich sehr frei im Zentrum hinter den Spitzen bewegte.

Der Gegner wurde erst etwa zehn Meter vor der Mittellinie angelaufen und im Spielaufbau weitestgehend in Ruhe gelassen. Werder beschränkte sich darauf, die Räume eng zu machen. Aber mit dieser Taktik hatten sie ihre liebe Not, denn wenn die Dortmunder im Ballbesitz waren, ging den Bremern alles zu schnell, wenn aber die Bremer den Ball hatten, dann schalteten sie nicht schnell genug um.

Immer wieder waren es Abstimmungsprobleme, die zu haarsträubenden Unsicherheiten führten: verspringende Bälle, Abspielfehler, ein haarsträubendes Stellungsspiel in der Defensive, Drobnys unmögliche Zuspiele … Vor allem nach dem Gegentor war es schwer, den Bremern beim Spielen zuzuschauen. Hinzu kam, dass Kruse, Pizarro und eben Gnabry Schatten ihrer selbst waren. Bartels war der einzige der fantastischen Vier der offensichtlich Bock auf dieses Match hatte. Die anderen wirkten, als hätten sie ihre Hanteln in der Unterhose versteckt.

Erst ab der vielleicht zwanzigsten oder fünfundzwanzigsten Minute konnten die Grün-Weißen die Verunsicherung abschütteln, attackierten den Gegner früher und entwickelten im Aufbau die spielerische Sicherheit, die im Lauf der Hinrunde von Spiel zu Spiel zugenommen hat. Die Herausnahme von Gnabry und die folgende Umstellung brachte ganz viel Sicherheit.

Dann kam Drobnys Bock. Man muss den Keeper in Schutz nehmen, denn die Situation wurde erst durch einen weiteren der vielen Abstimmungsfehler gefährlich. Aber er entschied sich eben auch zu spät für das Herauslaufen, und als er es tat, bewegte er sich nicht schnell genug. Die älteren Spieler wollen das ja immer nicht hören, Fritz schnaubt jedes Mal verächtlich, wenn er darauf angesprochen wird, aber sie sind. nun mal. langsam. Langsamer als die anderen, jüngeren Elitespieler der Bundesliga. Und da das Spiel von Jahr zu Jahr schneller wird, die älteren Spieler aber von Jahr zu Jahr langsamer, ist das eben manchmal ein Problem.

Doch ausgerechnet für Clemens Fritz, den ich schon des Öfteren als zu langsam bezeichnet habe, galt das diesmal nicht. Warum nicht? Weil er einen neuen Kollegen an der Seite hatte, der vieles von dem, was normalerwiese Fritzens Aufgabe gewesen ist, übernahm. Und das machte er so gut, das Fritz sich vollkommen auf seine Stärken konzentrieren konnte, während er den Jüngeren, Delaney, kämpfen, laufen und spielen ließ. Es war eine große Freude, ihm dabei zuzusehen. Dass dieser Spieler den Weg an die Weser gefunden hat, macht wirklich Mut. Er stand, lief und handelte fast immer richtig, und vor allem: Er hatte absolut keine Angst. Ehrlich gesagt waren mir die Dortmunder selten so unsympathisch wie am Samstag. Sie müssen sich im Trainingslager vorgenommen haben, sich nicht mehr über das unfaire Verhalten der Gegner zu beschweren, sondern selber auszuteilen. Dass sie dann aber die eigenen Schläge und Tritte auch noch mit höhnischen und abfälligen Gesten kommentierten, war wirklich unnötig. Das wenigstens sparten sich die Bremer. Sie beschränkten sich aufs Treten. Am Ende war der unerschrockene Däne einer der Spieler, die die sichtbaren Zeichen des Gefechtes am Körper trugen.

Also, wie soll man dieses Spiel jetzt einordnen?  Positiv ist die kämpferische Einstellung der Bremer. Aber das zu schreiben, klingt nach Trostpreis. Kämpfen kann jeder, der Mumm hat, dafür muss man nicht Fußballspielen können. Nachdem die Mannschaft sich gefangen hatte, sah vieles nach gutem Fußball aus, das kann man immerhin festhalten. Die Kombinationen klappten besser und die Defensive stand sicher.

Aber da waren diese Abstimmungsfehler – ärgerlich nach einer intensiven Vorbereitungszeit unter besten Bedingungen! Bei aller Sympathie für Alexander Nouri muss man sagen: Die Schonzeit ist vorbei. Der Trainer hat eine komplette Vorbereitung mit der Mannschaft absolviert. Und jetzt muss geliefert werden. Natürlich kann man gegen Dortmund verlieren. Aber man darf als Team nicht derartig viele Böcke schießen, wie sich das Garcia, Sané, Bauer usw. erlaubt haben. Es ist schwer verständlich, warum so häufig der eine nicht wusste, wo der andere war und wohin er sich gleich bewegen würde.

Zum Glück wurde das noch während des Spiels besser, Werder wurde stabiler und die Kommunikationsfehler nahmen ab.

Hoffen wir, dass das ein Trend ist, der sich fortsetzt.

TSG 1899 Hoffenheim : Werder Bremen – 1:1

Ausgerechnet die beiden, über die ich mich während des gesamten Spiels am meisten aufgeregt habe, führen den am Ende verdienten Ausgleich herbei! Santiago Garcia passt, und Serge Gnabry verwandelt. Ausgerechnet. Bis zu diesem Zeitpunkt haben mich ihre Aktionen mehrmals sämtliche Nerven gekostet.

Dabei haben sie in den vergangenen neunzig Minuten plus Nachspielzeit wirklich alles versucht, das muss man ihnen zugutehalten.  Sie haben sich in jeden Zweikampf gehauen, sie haben Kilometer gefressen, sie haben sich wirklich in den Dienst der Mannschaft gestellt. Aber sie haben eben auch durch unsinnige Zuspiele und durch richtige Entscheidungen zum falschen oder falsche Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt für Unruhe gesorgt und ihre Kollegen in die eine oder andere Verlegenheit gestürzt.

Jetzt muss man über die fußballerischen Qualitäten von Gnabry wirklich nichts mehr sagen. Jeder kann erkennen, was der Junge drauf hat. Es ist wirklich sehr beeindruckend. Und natürlich ist es keine Selbstverständlichkeit, dass er am laufenden Band Tore schießt. Werder kann sich glücklich schätzen, ihn verpflichtet zu haben, und das tun sie ja auch immer wieder, und wir tun es alle mit. Ja. Okay.

Aber er ist eben noch jung. Und wenn man es positiv ausdrücken will, dann macht er gerade eine für seine Karriere und seine weitere Entwicklung wichtige und prägende Erfahrung: Er kämpft gegen den Abstieg. Spieler seines Formats erleben das sicher nicht allzu häufig, wenn überhaupt. Er ist also Teil eines Teams, das nicht durchgängig hochklassig besetzt ist und das deshalb die Fehler, die einer macht, ohne weiteres ausbügeln kann. Bei Werder ist Gnabry von fußballerisch guten, mäßigen und nicht besonders guten Kollegen umgeben. Und das bedeutet, dass ihm eine viel größere Verantwortung für die Spielgestaltung zukommt, als das zum Beispiel bei Arsenal der Fall gewesen wäre.

Es könnte also sein, dass diese Verantwortung für ihn noch zu früh kommt. Andererseits hat Werder keinen Besseren und deshalb beschwert sich auch niemand über seine Fehler. Und was Gnabrys Entwicklung angeht, kann es ein Zu-Früh ja eigentlich gar nicht geben. Im jetzigen Fußball gilt: Je eher, desto besser. Das muss man natürlich alles mitbedenken, wenn man ihn kritisiert, wie ich es jetzt tue.

Denn Kritik ist dennoch angebracht. Leider hört Gnabry nicht damit auf, Risikopässe in höchst gefährlichen Situationen zu spielen. Wie sagte Pal Dardai nach Herthas Spiel gegen Werder? „Ein junger Spieler darf einen Fehler machen. Er darf ihn nur nicht wiederholen.“ Nun, das ist eben das, was Serge macht, er wiederholt seine Fehler regelmäßig. Manchmal fehlt ihm der Blick für den Mitspieler. Das passiert Kruse allerdings auch. Manchmal möchte er eine Situation lieber im Einsgegeneins lösen, obwohl er besser abgespielt hätte. Das kann man gut verstehen, Fin Bartels handelt oft genauso. Beide haben eine großartige Ballbehandlung, deshalb liegt es nahe, in schwieriger Lage die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, statt sich auf den Mitspieler zu verlassen.

Fatal aber sind die fehlerhaften Abspiele in der Vorwärtsbewegung, wenn die Defensive sich geöffnet hat und in denen der Gegner den Ball schlichtweg nicht haben DARF. Dann kann Gnabry zu häufig der Verlockung nicht widerstehen, einen genialen Pass spielen zu wollen, der eine Tormöglichkeit nach sich ziehen könnte. Diese Pässe kommen oft nicht an. Das ist an sich kein Problem, es sind Risikopässe, es besteht nun einmal die hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht ankommen werden, deshalb heißen sie auch so. Wenn sie ankommen, sorgen sie sofort für Gefahr. Wenn sie aber nicht ankommen, sollten sie möglichst nicht für Gefahr für das eigenen Tor sorgen. Bei Gnabrys Risikopässen ist das leider öfter der Fall. Er spielt sie mitunter in Situationen, in denen der Gegner sofort umschalten und die Defensive in größte Probleme stürzen kann.

Werder hat insgesamt anständig verteidigt. Und natürlich sage ich nicht, dass es allein Gnabrys gescheiterte Risikopässe waren, die die Defensive unter Druck gebracht haben. Aber sie waren es auch. Sie sind es in der Regel zu häufig. Und das ist für die Abwehrarbeit in dem Maß ein Problem, in dem seine geglückten Aktionen für die Offensive ein Gewinn sind.

Er ist eben noch jung. Und deshalb ist das okay. Santi Garcia ist nicht mehr jung. Er ist ein alter Haudegen, der schon viel erlebt hat. Und das ist irgendwie traurig, weil er ein so unerhört sympathischer Kerl ist. Denn seine Leistungen werden mit den Jahren nicht besser. Durch Gnabry und Kruse, zusammen mit Junuzovic (der auch gestern wieder besser war, als die Zeitungen und scheinbar auch die meisten Fans es wahrhaben möchten) hat Werders Kombinationsspiel ein Niveau erreicht, das wir von den Grün-Weißen von der Weser schon sehr lange nicht mehr gewohnt sind. Werder kann jetzt endlich wieder auf engem Raum kombinieren. Ja, ich weiß, das ist eigentlich banal, aber für Werder ist es das nicht. Unter Skripnik dominierten die langen Pässe auf die Außenpositionen, um das schwache Mittelfeld zu überbrücken. Seit Nouri der Boss ist, sind diese Zeiten vorbei. Und das ist eine schlechte Nachricht für Garcia. Denn weder sein Fuß noch sein Kopf scheinen für diese Art von Spiel schnell genug zu sein.

Defensiv hat er gestern einen guten Job gemacht. Da gab es keinen Stellungsfehler, nur selten einen gefährlichen Fehlpass im Spielaufbau und gute Ballgewinne. Seine Probleme begannen höher an der linken Seitenauslinie, wenn er in einer engen Situation den Ball zugespielt bekam und ihn schnell und möglichst klug weiterpassen sollte. Das war auch schon in den vergangenen Spielen zu beobachten: Dann steht Santi für einen Moment zu lange auf dem Schlauch. Das ist einfach nicht sein Spiel. (Man muss der Fairness halber ergänzen, dass auch Bauer öfter dieses Problem hatte, und das lag vor allem daran, dass sowohl Bargfrede als auch Junuzovic zu selten zu Hilfe kamen, um sich als Anspielstationen anzubieten.)

Es mag sein, dass er zurzeit mal wieder nicht hundertprozentig fit ist. Wir haben in der vergangenen Saison einmal erlebt, dass er einen echten Leistungsschub erlebte, als eine Verletzung, über die er selber nie öffentlich gesprochen hatte, endlich auskuriert war. Das würde ein wenig erklären, warum er so durchhängt. Aber ehrlich gesagt glaube ich, dass er für das neue Werder Bremen nicht mehr der richtige Typ des Außenverteidigers ist. Verstärkung wäre eigentlich schon in der Winterpause fällig. Aber das wird sicher nicht passieren, denn Augustinsson ist für die kommende Saison eingeplant, und ich kann mir nicht vorstellen, dass Werder in dieser Sache bis dahin handelt.

Nun sind es also ausgerechnet diese beiden gewesen, die das Einszueins besorgt haben. Und irgendwie ist das doch auch schön. Fehler hin oder her, wer würde den beiden dieses Erfolgserlebnis vergönnen? Ich bestimmt nicht. Im Gegenteil, ich finde, wir haben allen Grund uns zu freuen. Wenn man sich mal überlegt, auf welchem fußballerischen Niveau Werder noch im Januar kickte, und was sie in den vergangenen Spielen gezeigt haben, dann kann man doch nur sagen: Danke Baumann, danke Nouri, danke Werder. Wenn 2016 für die Welt auch ein beschissenes Jahr gewesen sein mag, so war es für Werder am Ende doch eigentlich ganz okay.

In diesem Sinne wünsche ich euch: Frohe Weihnacht und ein gutes, gesegnetes Jahr 2017. Danke für euer Interesse an meiner unwesentlichen Meinung.

Gofi

Werder Bremen : 1. FC Köln – 1:1

Die Kommentatoren sind sich einig: Die Punkteteilung gegen Köln war für Werder unterm Strich ein Punktgewinn. Jedem ist klar, dass das Spiel hätte verloren gehen können. Aber Werder hätte es eben auch gewinnen können. Und dass gegen eine starke und in ihrer Spielanlage so reife Mannschaft das Spiel bis zuletzt auf Messers Schneide stand, ist, angesichts von Werders bisheriger Entwicklung, etwas, worüber man sich freuen sollte. Drei Punkte wären gut, aber ehrlich gesagt nicht verdient gewesen.

Auf der Habenseite steht nach diesem Wochenende, dass Werder ein Spiel gegen einen starken Gegner nicht verlor, selbst wenn die individuellen Leistungen durch die Bank nicht besonders gut waren, sieht man mal von Lamine Sané, Niklas Moisander und Jaroslav Drobný ab. Auch Robert Bauer machte ein sehr viel besseres Spiel, als die Berichterstatter es gesehen haben wollen. Und, na gut, wenn wir schon dabei sind: Auch Junuzovic und Bargfrede lieferten solide Leistungen ab. Der Rest vom Fest konnte nicht besonders beeindrucken, und das betrifft dann ja wohl die Offensive plus einen zuweilen erschütternd überforderten Garcia. Weder Kruse noch Pizarro noch Bartels und auch nicht Serge Gnabry hatten allzu viele gute Aktionen gegen die Kölner Defensive. Einige tolle Ideen blitzten hier und da auf, wurden dann aber schlampig ausgeführt und brachten nichts ein – bis auf das glückliche Einzueins, das natürlich einem Torwartfehler, aber eben auch Gnabrys überragender Schusstechnik geschuldet war.

Aber das ist das Schöne an Werder im Dezember 2016, dass das Kollektiv die fehlende individuelle Klasse wettmachte. Deshalb war das Match auch so packend: Weil zwei Teams einen Kampf gegeneinander ausfochten, der vor allem im Mittelfeld stattfand. Und dass Werder gegen ein derartig starkes Kollektiv wie die Kölner mithalten konnte, das ist wirklich ein Erfolg an sich, Punkte hin oder her.

Es geht also aufwärts. Das erkennt man schon daran, dass Nouri nach einer schlechten ersten Halbzeit das System verändern konnte (er wechselte von einem Viervierzwei auf ein Dreifünfzwei) und sich das Spiel seiner Mannschaft prompt verbesserte, weil sie sich besser zum Gegner positionieren konnte und in der Folge mehr Zweikämpfe gewann. Wir denken kurz an die Zeit unter Skripnik zurück und lassen es dann wieder ganz schnell bleiben: Damals gab es so etwas nicht. Ein Systemwechsel während eines Spiels mag zum allgemeinen Standard in der Bundesliga gehören – oder, seien wir ehrlich, in jeder europäischen Topliga – aber dieses Mittel stand Werder bis vor nicht allzu langer Zeit noch nicht zur Verfügung. Meistens wurde es nach einer Systemveränderung erst so richtig schlimm.

Offenkundig ist Alexander Nouri ein Fußballlehrer, dem seine Schüler folgen. Man erkennt es an ihren Lernerfolgen. Und weil das so ist, gehen wir einer besseren Zukunft entgegen. Sie wird nicht rosig sein – über internationale Spiele brauchen wir bei Werder noch für sehr lange Zeit nicht nachzudenken – , aber die Zeiten werden im Vergleich zur Vergangenheit besser werden.

Dass Clemens Fritz zur Pause ausgewechselt werden musste, hat mir für ihn leidgetan. Aber fürs Spiel hat es mich gefreut. Ich will dem Käptn wirklich nicht am Zeug flicken, aber meiner Ansicht nach gehört auf seine Position Junuzovic.  Zusammen mit Bargfrede ergibt das eine Doppelsechs, die sowohl in der Defensive wie im Spielaufbau stark ist. Junu gehört ins Zentrum, er muss das Spiel vor sich haben. Dann kann er seine manchmal unscheinbaren, aber dennoch oft schönen Ideen einbringen. Auf diese Weise gleicht er Bargfredes Schwäche im Spielaufbau aus, und der wiederum bringt die Zweikampfstärke ein, die Junuzovic fehlt – ein ideales Paar.

Man könnte also beinahe davon sprechen, dass Werder inzwischen überall gut besetzt ist, wäre da nicht die Position des linken  Außenverteidigers. Ich bezeuge, dass ich von Santiago Garcia schon gute Spiele gesehen habe. Das ist aber verdammt lange her. Und das ist echt ein Problem. Während sich rechts Bauer und Bargfrede allmählich zu finden scheinen, lahmt Werders Spiel links, auch wenn sowohl Gnabry als auch Kruse es immer wieder zu beleben versuchen, indem sie häufiger die Postionen miteinander wechseln. Garcia wirkt zurzeit wie ein schüchterner Junge auf einer Party von Halbstarken. Was er macht, ist oft merkwürdig gehemmt und klappt deshalb nicht. Und wenn er sich ein Herz fasst und eine entschlossene Aktion wagt, ist es die falsche. Sein Spiel gegen Köln war kläglich. Es würde nicht nur Werder, sondern auch ihm gut tun, wenn es für ihn eine echte Alternative gäbe. Aber die gibt es nicht. Der jüngere Garcia, Ulysses,  hat bisher nicht gezeigt, dass er es besser kann.

Es gibt also noch viel zu tun. Wie sollte es auch anders sein? Der Umbruch bei Werder geht weiter, auch wenn sich endlich die Dinge zum Guten zu wenden scheinen. Nun also Mittwoch in Hoffenheim. Da gibt es eigentlich nichts zu holen. Aber das haben wir vor dem Spiel in Berlin auch gesagt.

Hertha BSC : Werder Bremen – 0:1

Alexander Nouri scheint endlich die Früchte seiner Arbeit ernten zu können. Na klar, es ist noch zu früh, die Hymnen anzustimmen. Aber was die Mannschaft in Berlin geboten hat, lässt hoffen, dass bei Werder eine neue Ära anbricht.

Das Wort, das der Trainer in den vergangenen Wochen am meisten verwendet hat – jedenfalls in Interviews – war ‚kompakt‘ bzw. ‚Kompaktheit‘. Daran fehlte es Werder nämlich, und dieser Mangel, so hatte Nouri analysiert, führte zu der eklatanten Defensivschwäche und den vielen Gegentoren. Zwischen den Viererketten war zu viel Platz, den der Gegner nutzen konnte, und die Ketten bewegten sich in sich häufig auch nicht stimmig genug.

Wenn er darauf angesprochen wurde, mahnte Nouri immer wieder, man müsse Geduld haben. Sein Lächeln wurde dabei von Mal zu Mal schmaler, seine Züge strenger und irgendwie auch müder. Aber weder die Journalisten noch wir Fans hatten Lust, noch weiter Geduld zu üben. Die qualitativen Unterschiede zu Mannschaften mit vergleichbar starken Kadern waren einfach zu offensichtlich.

Am vergangenen Samstag war es dann endlich so weit: Die Fortschritte in der Entwicklung des Teams, auf die Nouri immer wieder hingewiesen hatte, waren endlich für jeden sichtbar. Werder lieferte eine Demonstration dessen ab, was man als ‚Kompaktheit‘ im Fußball bezeichnen kann. Es war absolut beeindruckend, wie diszipliniert jeder einzelne Spieler seine Position wahrte, wie gut die beiden Ketten des sehr variablen Viervierzwei mit einander harmonierten und wie klug und ausgewogen das Team zwischen defensiver Zurückhaltung und aggressivem Pressing wechselte. Der Trainer beobachtete das Ganze mit konzentriertem, wenn nicht grimmigem Gesicht. Es war wohl eine Art entschlossene Genugtuung, die sich in seinen Zügen spiegelte. Die Zeiten, in denen die Presse Alexander Nouri als fröhlichen Mogli bezeichnet, sind vorbei. Der Trainer tut ihnen nicht mehr den Gefallen, den begeisterten Neuling zu spielen, sondern hat sein Team endlich an den Punkt geführt, an dem jeder seine Handschrift erkennen kann.

Der Sieg in Berlin wird seiner Reputation gut tun, und da hilft es auch nichts, über die Berliner Tagesform zu schimpfen oder Dardais Elf schlechter zu schreiben, als sie in Wirklichkeit ist. Der Verlierer sieht fast immer schlecht aus. Werder gewann, weil sie das bessere Team mit der geschlosseneren Mannschaftsleistung waren. Punkt. Nouris Plan war gut, und die Mannschaft setzte ihn fast perfekt um – perfekt wäre es gewesen, wenn sie und allen voran Serge Gnabry die Tore geschossen hätten, die sie hätten schießen MÜSSEN. Diese Tatsache in einem Nebensatz abzuhandeln, kann sich nur ein Sieger leisten, aber das waren die Bremer am vergangenen Samstag nun mal, weil Hertha das Tor überhaupt nicht traf.

Natürlich trug es zum Sieg bei, dass sich Pizarro, Kruse und Bargfrede mit jedem Spiel ihrer alten Form nähern. Und dass Bartels seine Formkrise offenbar überwunden hat und sich darüber hinaus gut mit dem großartigen Robert Bauer versteht, der ein wirklich beeindruckendes Spiel als rechter  Außenverteidiger abgeliefert hat. Womit die Berliner nur schlecht zurechtkamen war darüber hinaus die Variabilität der beiden Spitzen, die zusammen mit Gnabry immer wieder die Positionen wechselten – Gnabry zog von linksaußen öfter ins Zentrum, während Kruse plötzlich links und Pizarro des Öfteren ganz rechts zu finden war.

Aber der heimliche Held des Spiels, so hat es jedenfalls der Sky-Experte und ehemalige Innenverteidiger Christoph Metzelder formuliert, war wohl Werders Innenverteidiger Niklas Moisander. Der Finne scheint eine Rolle zu spielen, deren Wichtigkeit einem Fußballlaien wie mir nicht auffällt, vielleicht auch deshalb, weil die Fernsehkameras seine Arbeit nicht einfangen. Wenn Sané einen weiteren hohen Ball aus dem Strafraum köpft, sieht man das, wenn Bauer Kalou ein weiteres Mal an der Außenlinie stellt und es für den Stürmer kein Durchkommen gibt, sieht man das, wenn Fritz einen Ball direkt aus der Luft annimmt und ihn einen Meter neben den Gegner tropfen lässt, um ihn zu umspielen, sieht man das, wenn Bargfrede den Hertha-Verteidiger am gegnerischen Strafraum unter Druck setzt und den entscheidenden Fehlpass provoziert, sieht man das auch. Aber wenn Moisander die Abwehrkette koordiniert, den Mitspielern Kommandos zuruft und das große Ganze im Blick behält, dann sieht man das unter Umständen nicht – es sei denn man ist selbst im Stadion oder hat mal auf internationalem Niveau Fußball gespielt oder beides.

Könnte es sein, dass der stille Finne Nouris Garant für die Kompaktheit der Mannschaft ist? Dass er das Gehirn hinter den koordinierten Bewegungen des Teams auf dem Platz ist? Vielleicht nicht allein, aber sicher ist er ein wichtiger Teil des Plans. Wichtiger, als zumindest ich das bisher wahrgenommen habe.

Diesen Plan weiter zu verfolgen und in den nächsten Spielen Schritt für Schritt umzusetzen, ist die Devise der kommenden Wochen und Monate. Aber das braucht man Alexander Nouri nicht zu erzählen, der weiß das schon lange. Und wir, wir kapieren allmählich, wovon er spricht.

Werder Bremen : FC Ingolstadt – 2:1

Verhaltene Freude herrscht da, wo die Weser einen großen Bogen macht. Der SVW hat endlich mal wieder gewonnen. Diesmal ‚dreckig‘, wie man so sagt, wenn eine Mannschaft gerade eben, mit Hängen, Würgen und viel Willen die drei Punkte holt. Aber gerade die Bezeichnung, ‚dreckig‘, ist auch eine Auszeichnung. Denn wenn wir mal in diese grauenhafte Grube zurückblicken, die unsere jüngste sportliche Vergangenheit ist, stellen wir fest, dass es Zeiten gegeben hat, in denen dreckige Siege eingefordert, aber nicht errungen wurden, weil Wille und Selbstvertrauen fehlten. Diesmal ist es anders, und das ist ein gutes Zeichen.

Die Freude ist dennoch verhalten, weil alle wissen, dass es gegen Ingolstadt kein gutes Spiel gewesen ist, jedenfalls nicht unterm Strich. Im direkten Vergleich hat Bremen die besseren Spieler, und wenn Fußball eine mathematische Gleichung wäre, hätte Werders Sieg von vorneherein festgestanden. Aber Fußball ist deshalb so schön, weil sich ein Spiel, trotz aller taktischen Versuche, es zu kontrollieren, nicht vorhersagen lässt, schon gar nicht dann, wenn Werder spielt. Und so handelte es sich bei dem Match um einen Schlagabtausch mit völlig offenem Ausgang, bei dem die Bremer schlicht Glück hatten oder in den entscheidenden Momenten dann doch den Tick besser waren. Wahrscheinlich stimmt beides.

Vieles funktionierte gut. Das begann mit Nouris System, einem Vierzweidreieins, und der Art, wie die Spieler es interpretierten. Bauer machte auf Rechtsaußen einen soliden Job, mit nur wenigen Wacklern, die zum Glück nicht bestraft wurden. Linksaußen hat man nur Garcia, und deshalb müssen wir die durchwachsenen Leistungen zwischen Genie und Wahnsinn eben hinnehmen. Sané war ein großer Gewinn für die letzte Kette vor dem Tor, und Moisander war meiner Ansicht nach sehr viel stärker, als die Zeitungen ihn nachher beurteilten. Einige Male zeigte er Übersicht und große Abgeklärtheit. Dass es dennoch hinten manchmal wackelte, lag auch an Drobný, der zwar ein- bis zweimal sehr gut rettete, aber mit anderen Aktionen die gesamte Mannschaft verunsicherte.

Besonders gut zu sehen war das nach seinem schlechten Abspiel und dem Foul an Leckie nach knapp zehn Minuten, für das es einen Elfmeter hätte geben müssen. Bis dahin hatte Werder engagiert und ziemlich selbstbewusst gespielt, war bei Ballverlust geschickt ins Gegenpressing übergegangen und hatte die Partie im Griff. Nach Drobnýs Aktion war der Faden für einen Moment gerissen, etwa zehn Minuten lang klappte gar nichts, dann besann sich die Mannschaft auf die Marschroute und nahm ihr ordentliches Spiel wieder auf.

Man kann also deutlich sehen, wie anfällig das Team ist. Umso schöner ist es, dass sie eigentlich alle den Mumm hatten, sich gegen die eigene Verunsicherung zu wehren, allen voran Fin Bartels, der ein unglaublich mutiges Spiel ablieferte. Ich hatte die Geduld mit ihm bereits verloren. Aber das war voreilig. Fast scheint es so, als würde er sich mehr und mehr in diese Saison hineinkämpfen. Das Spiel gegen Ingolstadt erinnerte an seine starke Phase der letzten Saison. Und er strafte mich auch Lügen. In meinem letzten Artikel hatte ich behauptet, Bartels hätte keinen Überblick über das Spiel, er würde lieber ins Einsgegeneins gehen, als den klugen Pass zu versuchen. Aber das ist offenkundig nicht wahr. Seine Vorlage zum Einszunull durch Kruse habe ich im ersten Moment als einen glücklichen Zufall gedeutet. Erst in der Wiederholung habe ich gesehen, dass Bartels vor dem Pass in die Mitte aufschaut, noch ein paar weitere Schritte geht und dann passt. Er wollte es genauso, wie es gekommen ist, und dafür kann man nur alle Hüte ziehen, das war wirklich ganz großartig. Auch, dass er vor dem Zweizueins an genau dieser Position stand, von der aus er das Tor erzielen konnte, war kein Zufall. Bartels Laufwege waren, genau wie die von Kruse und Pizarro, wirklich gut an diesem Nachmittag.

Dass Kruses Beitrag letztlich der Schlüssel zum Erfolg war, wurde schon von vielen anderen hervorgehoben. Deshalb verliere ich lieber noch ein paar Worte zu Junuzovic. Der war nämlich super. Wirklich super. Und viel, viel besser, als er hinterher beurteilt wurde. Zusammen mit Bargfrede verlieh er der Abwehr wesentlich mehr Stabilität, und er kurbelte zusätzlich das Spiel durch das Zentrum an. Ich finde, dass Werder in diesen beiden endlich eine Doppelsechs gefunden hat, die ab jetzt Standard sein wollte. Und ich verstehe nicht, warum er nicht schon viel früher hier eingesetzt worden ist. Es ist nicht die Position, auf der ein Spieler glänzt, aber das Glänzen ist seine Sache eh nicht. Er hat eine grandiose Arbeitseinstellung, ist sich für keinen Weg zu schade, und es bekommt ihm, das Spiel vor sich zu haben. Die Doppelsechs aus Bargfrede und Junuzovic und die Zehn besetzt durch Kruse – das gab Werders Zentrum eine gewisse Sicherheit , die wir bisher dort noch überhaupt nicht gesehen haben. Hoffentlich hält Nouri an dieser Aufstellung fest – und lässt Fritz zukünftig als Unterstützung für schwierige Phasen auf der Bank Platz nehmen.

Es war also manches gut. Warum war es dennoch nur ein glücklicher Sieg? Weil die Kräfte zu früh nachließen. Das jedenfalls meine ich beobachtet zu haben. Werder gewann nur 47% aller Zweikämpfe. Und es würde mich nicht wundern, wenn sie sich vor allem in den letzten zwanzig Minuten die Statistik versaut hätten. Denn da passierte vieles nur noch unkoordiniert und zufällig, die defensive Organisation, die vorher ordentlich gewesen war, geriet durcheinander und Drobný durfte beweisen, dass er immer noch ein guter Keeper ist, auch wenn er modernen Ansprüchen nicht mehr genügt. In dieser Phase marschierte Ingolstadt unverdrossen und scheinbar unermüdlich, während die Grün-Weißen aus dem letzten Loch pfiffen.

Und das ist ein echter Grund zur Besorgnis. Nicht die Ausgewogenheit des Kaders, nicht die Qualität des Trainers, nicht die Torwartfrage. Wird Werder es in den kommenden Spielen gegen Hertha, Köln und Hoffenheim schaffen, physisch dagegenzuhalten und fehlende spielerische Klasse zu kompensieren? Denn wenn der Gegner nicht Ingolstadt geheißen hätte, sondern zum Beispiel Hoffenheim, dann wäre das Match ganz sicher verloren gegangen. Das wissen auch die Werderaner. Und deshalb freuen sie sich völlig zurecht nur verhalten über einen dreckigen Sieg.

Hamburger SV : Werder Bremen – 2:2

Wo steht Werder? Nach dem glücklichen Punktgewinn beim HSV ist eigentlich nichts klarer geworden.

Ist der Kader wirklich gut genug für die Bundesliga? Sind die Spieler in der Lage, Nouris Ideen aufzugreifen und umzusetzen? Sitzen alte Muster vielleicht doch zu tief, als dass sie ein Trainer-Novize ohne Vorbereitungsphase aufbrechen und ändern könnte?

Was kann Moisander?

Wann knallen Garcias Sicherungen endgültig durch?

Muss Fritz erst vom Platz getragen werden, bevor irgendjemand merkt, dass er für das Spiel auf diesem Niveau inzwischen zu langsam ist? Oder ist der Kader tatsächlich so unausgewogen, dass man auf seine Erfahrung einfach nicht verzichten kann?

Schlummern in Junuzovic bisher noch verborgene Qualitäten oder muss man sich eingestehen, dass das, was er seit geraumer Zeit auf den Platz bringt, wirklich alles ist, was er drauf hat?

Wer hatte eigentlich die Idee, Petsos zu verpflichten? Warum?

Wieso spielt Jóhansson nie? War es wirklich nötig, Monate lang auf seine Genesung zu warten, nur um ihn danach noch nicht einmal für den Kader zu nominieren?

Die Berichterstatter sind sich einig: Das Nordderby war ein packendes Duell. Leider war die Qualität dieses Matches so schlecht, dass es ein Wunder ist, dass hin und wieder Spielzüge zu sehen waren, die an Fußball erinnerten. Sie wurden allerdings auch nur dadurch möglich, dass die jeweils andere Mannschaft in der jeweiligen Situation nichts auf die Kette bekam. Das Einszunull des HSV entstand aufgrund der kumulativen Bräsigkeit der Werderabwehr. Man mag es eigentlich gar nicht mehr beschreiben: Drobnys und Moisanders Missverständnis, der Einwurf, Petsos‘ Passivität, der auf ein Dribbling des Gegners lauerte und deshalb den hohen Pass nicht verhinderte, Veljkovic … Vergessen wir’s. Es war grauenhaft.

Das Einszueins war immerhin eine schöne Aktion von Bartels, auch wenn er diese Chance gegen eine Abwehr auf Bundesliga-Niveau wahrscheinlich nie bekommen hätte. Dann Gnabrys Ballverlust fast auf Höhe des Hamburger Strafraums und der schöne hamburger Konter, begleitet von den ins Nichts schlitternden Tacklings der Werderaner. Wenn es nicht so traurig gewesen wäre, man hätte lachen können. Bumms, war er drin, der Ball, weil auch Veljkovic am Strafraum (!) grätschte, anstatt stehen zu bleiben, während Bauer irgendwie pennte.

Zum Glück gaben sich die Hamburger mit dieser knappen Führung nicht zufrieden und verhalfen Serge Gnabry noch zum Ausgleich, indem sie das Verteidigen verweigerten. Sie hatten recht: Dieser Grottenkick hatte keinen Sieger verdient.

Ganz sicher hatte der Trainer einen Matchplan. Dass ich ihn nicht erkannt habe, wird daran gelegen haben, dass er so sehr den Plänen von Viktor Skripnik glich (weite Bälle auf die Außenbahnen), und bei diesen war es ja am Ende nie so ganz klar, ob es sich tatsächlich um geplante oder um zufällige Ereignisse handelte, die auf dem Platz passierten. Vielleicht war es auch anders. Möglicherweise wurde die Strategie schon während der ersten Minuten geändert, weil der löbliche Versuch, den Ball flach von hinten herauszuSPIELEN, nach zwei Minuten im ersten Gegentor resultierte.

Es ist schwer zu sagen, wer am Samstag mehr von der Rolle war: Drobny, Garcia oder Veljkovic. Zusammen mit den ebenfalls nicht sattelfesten Bauer und Moisander und dem vergeblich sich bemühenden Petsos bildeten sie einen Defensivverbund, der zum Erbarmen war. Fritzens Fehlpässe, überhaupt das fehlerhafte Spiel in der Zentrale, halfen da nicht weiter.

Eigentlich war man als Werderaner immer froh, wenn Gnabry oder Kruse am Ball waren, denn dann war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Spieler in Grün erstens wusste, wo er den Ball hinspielen wollte, und zweitens technisch dazu auch in der Lage war. Bei allen anderen Mannschaftskollegen hatte der Betrachter schon ab der ersten Ballberührung den Angstschweiß auf der Stirn.

Ja, man muss wohl, wenn man all das konstatiert, von Verunsicherung sprechen, die fast alle aus der Mannschaft erfasst hatte. Aber es gab auch Ausnahmen. Robert Bauer machte kein sonderlich gutes, aber ein beherztes Spiel. Er hätte eine weitere Chance verdient, weil er immerhin Kampfgeist zeigte. Selbstverständlich konnte er noch nicht alle Abläufe kennen, es war immerhin sein erstes Werder-Spiel auf der Position des rechten Außenverteidigers.

Über Kruse und Gnabry müssen wir nicht reden. Aber auch Fin Bartels war erstaunlich unbekümmert und selbstbewusst. Es ist zu schade, dass ihm allzu oft die Übersicht fehlt. So schickte er einmal in aussichtsreicher Position nicht Kruse steil, sondern legte nach links auf Gnabry ab. Ein anders Mal ging er ins Einsgegeneins und hätte hier eigentlich unbedingt nach links spielen müssen, wo nicht nur Gnabry, sondern auch Kruse lauerte. Er hatte sie schlicht nicht gesehen, weil er sich im Fall eines Falles lieber auf seine Fähigkeiten im Dribbling verlässt, als den klugen Pass zu suchen. Insgesamt passte er zwanzig Mal, dreizehn Pässe kamen beim Mitspieler an. Gut ist das nicht. Leider.

Wo also steht Werder? Im Moment scheint das niemand zu wissen. Ich gestehe, dass ich enttäuscht bin. Ich hatte gehofft, dass zu diesem Zeitpunkt bereits mehr Struktur im Werderspiel erkennbar wäre, mehr Züge einer klaren Idee. Ich bin sicher, es gibt sie. Wo ich mir nicht mehr so sicher bin, ist, ob sie mit diesen Spielern überhaupt zu verwirklichen ist. Oder sagen wir: Mit dieser Zusammenstellung von Spielern, bei der der jetzige Trainer ja gar nicht hat mitreden können.

Frank Baumann hat neulich zugegeben, es sei ein Fehler gewesen, an Skripnik festzuhalten. Normalerweise ist es immer löblich, wenn jemand einen Fehler eingesteht. In diesem Fall aber kann man sich nur an den Kopf fassen. Immerhin ist es schön, dass er es jetzt auch bemerkt hat.

Schalke 04 : Werder Bremen – 3:1

Man möchte das Wort eigentlich gar nicht mehr benutzen, weil es in Bezug auf Werder schon so ausgelutscht ist, weil es seit schon so langer Zeit immer und immer wieder als fadenscheinige Entschuldigung herhalten muss. Aber es beschreibt die gegenwärtige Situation wohl doch leider am treffendsten: Umbruch. Werder befindet sich wieder einmal oder immer noch im Umbruch.

Das betrifft den Verein insgesamt, das betrifft aber auch den Kader und natürlich die Situation auf der Trainerbank. Der Kader ist durchmischt einerseits mit Leuten, die schon kleinere Triumphe und vor allem größere Katastrophen miterlebt haben, aber auch mit Jungs, die ganz frisch dabei sind und die immer noch glauben, der SVW sei ein großartiger Verein, der sportlich in ganz andere Tabellenregionen gehört als der gegenwärtigen. Die alten Recken wie zum Beispiel Clemens Fritz befinden sich schon lange in Richtung Bühnenausgang, während die anderen die Center Stage noch gar nicht erreicht haben.

Das ist ein Problem, weil der stark durchmischte Kader sich noch nicht gefunden hat. Trainer Nouri arbeitet hart daran. Und gestern konnten wir immer wieder sehen, dass seine Arbeit Früchte trägt. Die Abwehrkette zum Beispiel spielte die meiste Zeit gut zusammen. Doch! Auch wenn die Spielerbenotungen der Fachleute heute Morgen wieder vernichtend sind. Sie sind unfair. Denn über weite Strecken arbeiten die vier da hinten unter der Leitung von Moisander sehr koordiniert. Insbesondere Veljkovic machte ein wirklich gutes, abgeklärtes und unaufgeregtes Spiel.

Trotzdem hat’s gescheppert, und das gleich drei Mal. Warum? Weil die Abstimmung im Großen und Ganzen zwar recht gut klappt, aber nicht im Detail. Das war besonders vor dem ersten Gegentor zu erkennen, als Veljkovic zum Kopfballduell hochstieg und dabei von Moisander unterstützt wurde.  Beide verloren, der Ball wurde zurück ins Zentrum gespielt und dort von Meyer abgefeuert, der jetzt, nachdem die Kette aufgerissen war, weil Moisander seinen Platz verlassen hatte, freie Bahn hatte. Dass der Abpraller nicht von Werder geklärt, sondern von Schalke genutzt wurde, ist ein weiteres ärgerliches Detail, aber der Fehler war vorher passiert. In dieser Situation ging die Kompaktheit der Reihe durch eine falsche Entscheidung verloren. Und das wurde sofort bestraft.

Aber seien wir ehrlich: Es ist kein Wunder, dass so etwas passiert. Von Spiel zu Spiel harmonieren die Vier dahinten besser. Jetzt müssen sie den jungen Serben integrieren, der seine Sache gut macht. Aber das braucht noch Zeit, Zeit, die Werder leider nicht hat. Die Gegentore jedenfalls sind nicht allein der Abwehr anzulasten, sondern dem Defensivverhalten des gesamten Teams.

Zlatko Junuzovic zum Beispiel. Der hatte eigentlich kein allzu schlechtes Spiel gemacht. Jetzt, wo Gnabry ihm die Last der kreativen Spielgestaltung abgenommen hat, kann er sich auf das Rennen und Kämpfen konzentrieren, das er hin und wieder mit ein paar schönen spielerischen Ideen garniert. Aber es ist nun einmal eine Tatsache, dass ihm diese Art defensiver Black Outs, bei denen er zu spät erkennt, dass sich sein direkter Gegenspieler gefährlich dem Tor nähert, immer wieder passieren. Das war schon in der vergangenen Saison so. Und das ist wirklich schwer zu tolerieren. Zlatko hätte das erste und das dritte Tor verhindern können, wenn er sich gedanklich auch mit Abwehrarbeit befasst hätte. Umgekehrt muss man sagen: Wenn er sich vor allem über das offensive Spiel Gedanken gemacht hat, dann war das, was er abgeliefert hat, doch zu wenig.

Das dritte Tor geht aber auch auf die Kappe von Clemens Fritz, obwohl der zu diesem Zeitpunkt mit dem Geschehen schon gar nichts mehr zu tun hatte. Der Treffer fiel noch nicht einmal nach seinem Ballverlust, sondern nach dem Ballverlust von Finn Bartels, den er vorher in höchst ungünstiger Situation angespielt hatte. Die Situation war deshalb so ungünstig, weil Fritz wieder einmal viel zu lange mit dem Anspiel gezögert hatte. Seine Langsamkeit ist sein größtes Problem. Im Kopf war er vielleicht noch nie der schnellste, aber als jüngerer Spieler konnte er das mit der Schnelligkeit seiner Beine wettmachen. Heute funktioniert das nicht mehr, heute müsste es umgekehrt laufen, da müsste er gedanklich agiler sein, weil die Agilität der Beine nicht mehr dieselbe ist wie vor fünf bis zehn Jahren. Aber das ist Fritzens Sache nicht, das blitzartige Erkennen der Situation, das Vorausahnen der Bewegungen von Gegnern und Kollegen. Fritz muss laufen, dann schaut er, dann läuft er, und wenn es dann knirscht, muss man keine Angst um den Fernseher haben, es sind nur die Rädchen hinter seiner Stirn, die knirschen, weil sie sich drehen. Und dann – spielt er. Gestern war da ein großartiger, wunderschöner langer Ball auf die gegenüberliegende Seite dabei, der das ganze Spielfeld öffnete. Ein Traum! Aber die meisten seiner Bälle sind eher nicht so. Weil sie einfach zu spät kommen.

Für den Spielaufbau wird das mehr und mehr zum Problem. Denn auch Grillitsch und Petsos, der gestern zentral vor der Abwehr spielte, bestechen nicht gerade durch Schnelligkeit. Im Gegenteil. Der junge Österreicher ist im Vergleich zur vorigen Saison kaum noch wiederzuerkennen. Man würde gerne wissen, worüber er während eines Spieles so nachdenkt. Er wirkt ja irgendwie vergeistigt und würde in keinem der Wiener Café-Häuser sonderlich auffallen. Vielleicht bewegt er sich einfach nicht gerne, was für den Fortgang seiner Karriere als Leistungssportler einen Nachteil darstellen würde. Oder er ist eben in motorischer Hinsicht nicht so schnell. Da wäre es auch in seinem Fall von Vorteil, wenn der Kopf dafür umso schneller wäre. Nouris Fußball setzt das eigentlich voraus, und deshalb gefällt er mir auch so gut: dass die Spieler DENKEN, sie müssen mitDENKEN. Vielleicht sind sie das nicht mehr gewohnt, vielleicht müssen sie das erst wieder lernen, dass der Beruf des Fußballprofis inzwischen Gottseidank auch geistige Anforderungen stellt.

Serge Gnabry kann das. Er hat beides: Schnelle Füße und einen schnellen Kopf. Und deshalb war er gestern auch einer der Besten auf dem Feld. Die anderen, hat man das Gefühl, hadern hin und wieder mit dem Tempo der Bundesliga und wünschten sich, es würde alles ein wenig gemächlicher laufen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Werder die meisten Zweikämpfe verlor, weil die Schalker meistens schneller waren. Und diese Tatsache ist selbstverständlich auch ein Grund für die Niederlage. Wer gewinnen will, muss die Zweikämpfe gewinnen. Wer sie verliert, sollte sich fragen, warum.

Alexander Nouri hat recht, es hilft nur eines: Weitermachen. Und auf den Lernerfolg der Spieler setzen. Denn der wird eintreten. Die ersten Anzeichen sind da. Es kann alles nur besser werden. Da bin ich mir sicher.