Hamburger SV : Werder Bremen – 2:2

Wo steht Werder? Nach dem glücklichen Punktgewinn beim HSV ist eigentlich nichts klarer geworden.

Ist der Kader wirklich gut genug für die Bundesliga? Sind die Spieler in der Lage, Nouris Ideen aufzugreifen und umzusetzen? Sitzen alte Muster vielleicht doch zu tief, als dass sie ein Trainer-Novize ohne Vorbereitungsphase aufbrechen und ändern könnte?

Was kann Moisander?

Wann knallen Garcias Sicherungen endgültig durch?

Muss Fritz erst vom Platz getragen werden, bevor irgendjemand merkt, dass er für das Spiel auf diesem Niveau inzwischen zu langsam ist? Oder ist der Kader tatsächlich so unausgewogen, dass man auf seine Erfahrung einfach nicht verzichten kann?

Schlummern in Junuzovic bisher noch verborgene Qualitäten oder muss man sich eingestehen, dass das, was er seit geraumer Zeit auf den Platz bringt, wirklich alles ist, was er drauf hat?

Wer hatte eigentlich die Idee, Petsos zu verpflichten? Warum?

Wieso spielt Jóhansson nie? War es wirklich nötig, Monate lang auf seine Genesung zu warten, nur um ihn danach noch nicht einmal für den Kader zu nominieren?

Die Berichterstatter sind sich einig: Das Nordderby war ein packendes Duell. Leider war die Qualität dieses Matches so schlecht, dass es ein Wunder ist, dass hin und wieder Spielzüge zu sehen waren, die an Fußball erinnerten. Sie wurden allerdings auch nur dadurch möglich, dass die jeweils andere Mannschaft in der jeweiligen Situation nichts auf die Kette bekam. Das Einszunull des HSV entstand aufgrund der kumulativen Bräsigkeit der Werderabwehr. Man mag es eigentlich gar nicht mehr beschreiben: Drobnys und Moisanders Missverständnis, der Einwurf, Petsos‘ Passivität, der auf ein Dribbling des Gegners lauerte und deshalb den hohen Pass nicht verhinderte, Veljkovic … Vergessen wir’s. Es war grauenhaft.

Das Einszueins war immerhin eine schöne Aktion von Bartels, auch wenn er diese Chance gegen eine Abwehr auf Bundesliga-Niveau wahrscheinlich nie bekommen hätte. Dann Gnabrys Ballverlust fast auf Höhe des Hamburger Strafraums und der schöne hamburger Konter, begleitet von den ins Nichts schlitternden Tacklings der Werderaner. Wenn es nicht so traurig gewesen wäre, man hätte lachen können. Bumms, war er drin, der Ball, weil auch Veljkovic am Strafraum (!) grätschte, anstatt stehen zu bleiben, während Bauer irgendwie pennte.

Zum Glück gaben sich die Hamburger mit dieser knappen Führung nicht zufrieden und verhalfen Serge Gnabry noch zum Ausgleich, indem sie das Verteidigen verweigerten. Sie hatten recht: Dieser Grottenkick hatte keinen Sieger verdient.

Ganz sicher hatte der Trainer einen Matchplan. Dass ich ihn nicht erkannt habe, wird daran gelegen haben, dass er so sehr den Plänen von Viktor Skripnik glich (weite Bälle auf die Außenbahnen), und bei diesen war es ja am Ende nie so ganz klar, ob es sich tatsächlich um geplante oder um zufällige Ereignisse handelte, die auf dem Platz passierten. Vielleicht war es auch anders. Möglicherweise wurde die Strategie schon während der ersten Minuten geändert, weil der löbliche Versuch, den Ball flach von hinten herauszuSPIELEN, nach zwei Minuten im ersten Gegentor resultierte.

Es ist schwer zu sagen, wer am Samstag mehr von der Rolle war: Drobny, Garcia oder Veljkovic. Zusammen mit den ebenfalls nicht sattelfesten Bauer und Moisander und dem vergeblich sich bemühenden Petsos bildeten sie einen Defensivverbund, der zum Erbarmen war. Fritzens Fehlpässe, überhaupt das fehlerhafte Spiel in der Zentrale, halfen da nicht weiter.

Eigentlich war man als Werderaner immer froh, wenn Gnabry oder Kruse am Ball waren, denn dann war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Spieler in Grün erstens wusste, wo er den Ball hinspielen wollte, und zweitens technisch dazu auch in der Lage war. Bei allen anderen Mannschaftskollegen hatte der Betrachter schon ab der ersten Ballberührung den Angstschweiß auf der Stirn.

Ja, man muss wohl, wenn man all das konstatiert, von Verunsicherung sprechen, die fast alle aus der Mannschaft erfasst hatte. Aber es gab auch Ausnahmen. Robert Bauer machte kein sonderlich gutes, aber ein beherztes Spiel. Er hätte eine weitere Chance verdient, weil er immerhin Kampfgeist zeigte. Selbstverständlich konnte er noch nicht alle Abläufe kennen, es war immerhin sein erstes Werder-Spiel auf der Position des rechten Außenverteidigers.

Über Kruse und Gnabry müssen wir nicht reden. Aber auch Fin Bartels war erstaunlich unbekümmert und selbstbewusst. Es ist zu schade, dass ihm allzu oft die Übersicht fehlt. So schickte er einmal in aussichtsreicher Position nicht Kruse steil, sondern legte nach links auf Gnabry ab. Ein anders Mal ging er ins Einsgegeneins und hätte hier eigentlich unbedingt nach links spielen müssen, wo nicht nur Gnabry, sondern auch Kruse lauerte. Er hatte sie schlicht nicht gesehen, weil er sich im Fall eines Falles lieber auf seine Fähigkeiten im Dribbling verlässt, als den klugen Pass zu suchen. Insgesamt passte er zwanzig Mal, dreizehn Pässe kamen beim Mitspieler an. Gut ist das nicht. Leider.

Wo also steht Werder? Im Moment scheint das niemand zu wissen. Ich gestehe, dass ich enttäuscht bin. Ich hatte gehofft, dass zu diesem Zeitpunkt bereits mehr Struktur im Werderspiel erkennbar wäre, mehr Züge einer klaren Idee. Ich bin sicher, es gibt sie. Wo ich mir nicht mehr so sicher bin, ist, ob sie mit diesen Spielern überhaupt zu verwirklichen ist. Oder sagen wir: Mit dieser Zusammenstellung von Spielern, bei der der jetzige Trainer ja gar nicht hat mitreden können.

Frank Baumann hat neulich zugegeben, es sei ein Fehler gewesen, an Skripnik festzuhalten. Normalerweise ist es immer löblich, wenn jemand einen Fehler eingesteht. In diesem Fall aber kann man sich nur an den Kopf fassen. Immerhin ist es schön, dass er es jetzt auch bemerkt hat.

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Schalke 04 : Werder Bremen – 3:1

Man möchte das Wort eigentlich gar nicht mehr benutzen, weil es in Bezug auf Werder schon so ausgelutscht ist, weil es seit schon so langer Zeit immer und immer wieder als fadenscheinige Entschuldigung herhalten muss. Aber es beschreibt die gegenwärtige Situation wohl doch leider am treffendsten: Umbruch. Werder befindet sich wieder einmal oder immer noch im Umbruch.

Das betrifft den Verein insgesamt, das betrifft aber auch den Kader und natürlich die Situation auf der Trainerbank. Der Kader ist durchmischt einerseits mit Leuten, die schon kleinere Triumphe und vor allem größere Katastrophen miterlebt haben, aber auch mit Jungs, die ganz frisch dabei sind und die immer noch glauben, der SVW sei ein großartiger Verein, der sportlich in ganz andere Tabellenregionen gehört als der gegenwärtigen. Die alten Recken wie zum Beispiel Clemens Fritz befinden sich schon lange in Richtung Bühnenausgang, während die anderen die Center Stage noch gar nicht erreicht haben.

Das ist ein Problem, weil der stark durchmischte Kader sich noch nicht gefunden hat. Trainer Nouri arbeitet hart daran. Und gestern konnten wir immer wieder sehen, dass seine Arbeit Früchte trägt. Die Abwehrkette zum Beispiel spielte die meiste Zeit gut zusammen. Doch! Auch wenn die Spielerbenotungen der Fachleute heute Morgen wieder vernichtend sind. Sie sind unfair. Denn über weite Strecken arbeiten die vier da hinten unter der Leitung von Moisander sehr koordiniert. Insbesondere Veljkovic machte ein wirklich gutes, abgeklärtes und unaufgeregtes Spiel.

Trotzdem hat’s gescheppert, und das gleich drei Mal. Warum? Weil die Abstimmung im Großen und Ganzen zwar recht gut klappt, aber nicht im Detail. Das war besonders vor dem ersten Gegentor zu erkennen, als Veljkovic zum Kopfballduell hochstieg und dabei von Moisander unterstützt wurde.  Beide verloren, der Ball wurde zurück ins Zentrum gespielt und dort von Meyer abgefeuert, der jetzt, nachdem die Kette aufgerissen war, weil Moisander seinen Platz verlassen hatte, freie Bahn hatte. Dass der Abpraller nicht von Werder geklärt, sondern von Schalke genutzt wurde, ist ein weiteres ärgerliches Detail, aber der Fehler war vorher passiert. In dieser Situation ging die Kompaktheit der Reihe durch eine falsche Entscheidung verloren. Und das wurde sofort bestraft.

Aber seien wir ehrlich: Es ist kein Wunder, dass so etwas passiert. Von Spiel zu Spiel harmonieren die Vier dahinten besser. Jetzt müssen sie den jungen Serben integrieren, der seine Sache gut macht. Aber das braucht noch Zeit, Zeit, die Werder leider nicht hat. Die Gegentore jedenfalls sind nicht allein der Abwehr anzulasten, sondern dem Defensivverhalten des gesamten Teams.

Zlatko Junuzovic zum Beispiel. Der hatte eigentlich kein allzu schlechtes Spiel gemacht. Jetzt, wo Gnabry ihm die Last der kreativen Spielgestaltung abgenommen hat, kann er sich auf das Rennen und Kämpfen konzentrieren, das er hin und wieder mit ein paar schönen spielerischen Ideen garniert. Aber es ist nun einmal eine Tatsache, dass ihm diese Art defensiver Black Outs, bei denen er zu spät erkennt, dass sich sein direkter Gegenspieler gefährlich dem Tor nähert, immer wieder passieren. Das war schon in der vergangenen Saison so. Und das ist wirklich schwer zu tolerieren. Zlatko hätte das erste und das dritte Tor verhindern können, wenn er sich gedanklich auch mit Abwehrarbeit befasst hätte. Umgekehrt muss man sagen: Wenn er sich vor allem über das offensive Spiel Gedanken gemacht hat, dann war das, was er abgeliefert hat, doch zu wenig.

Das dritte Tor geht aber auch auf die Kappe von Clemens Fritz, obwohl der zu diesem Zeitpunkt mit dem Geschehen schon gar nichts mehr zu tun hatte. Der Treffer fiel noch nicht einmal nach seinem Ballverlust, sondern nach dem Ballverlust von Finn Bartels, den er vorher in höchst ungünstiger Situation angespielt hatte. Die Situation war deshalb so ungünstig, weil Fritz wieder einmal viel zu lange mit dem Anspiel gezögert hatte. Seine Langsamkeit ist sein größtes Problem. Im Kopf war er vielleicht noch nie der schnellste, aber als jüngerer Spieler konnte er das mit der Schnelligkeit seiner Beine wettmachen. Heute funktioniert das nicht mehr, heute müsste es umgekehrt laufen, da müsste er gedanklich agiler sein, weil die Agilität der Beine nicht mehr dieselbe ist wie vor fünf bis zehn Jahren. Aber das ist Fritzens Sache nicht, das blitzartige Erkennen der Situation, das Vorausahnen der Bewegungen von Gegnern und Kollegen. Fritz muss laufen, dann schaut er, dann läuft er, und wenn es dann knirscht, muss man keine Angst um den Fernseher haben, es sind nur die Rädchen hinter seiner Stirn, die knirschen, weil sie sich drehen. Und dann – spielt er. Gestern war da ein großartiger, wunderschöner langer Ball auf die gegenüberliegende Seite dabei, der das ganze Spielfeld öffnete. Ein Traum! Aber die meisten seiner Bälle sind eher nicht so. Weil sie einfach zu spät kommen.

Für den Spielaufbau wird das mehr und mehr zum Problem. Denn auch Grillitsch und Petsos, der gestern zentral vor der Abwehr spielte, bestechen nicht gerade durch Schnelligkeit. Im Gegenteil. Der junge Österreicher ist im Vergleich zur vorigen Saison kaum noch wiederzuerkennen. Man würde gerne wissen, worüber er während eines Spieles so nachdenkt. Er wirkt ja irgendwie vergeistigt und würde in keinem der Wiener Café-Häuser sonderlich auffallen. Vielleicht bewegt er sich einfach nicht gerne, was für den Fortgang seiner Karriere als Leistungssportler einen Nachteil darstellen würde. Oder er ist eben in motorischer Hinsicht nicht so schnell. Da wäre es auch in seinem Fall von Vorteil, wenn der Kopf dafür umso schneller wäre. Nouris Fußball setzt das eigentlich voraus, und deshalb gefällt er mir auch so gut: dass die Spieler DENKEN, sie müssen mitDENKEN. Vielleicht sind sie das nicht mehr gewohnt, vielleicht müssen sie das erst wieder lernen, dass der Beruf des Fußballprofis inzwischen Gottseidank auch geistige Anforderungen stellt.

Serge Gnabry kann das. Er hat beides: Schnelle Füße und einen schnellen Kopf. Und deshalb war er gestern auch einer der Besten auf dem Feld. Die anderen, hat man das Gefühl, hadern hin und wieder mit dem Tempo der Bundesliga und wünschten sich, es würde alles ein wenig gemächlicher laufen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Werder die meisten Zweikämpfe verlor, weil die Schalker meistens schneller waren. Und diese Tatsache ist selbstverständlich auch ein Grund für die Niederlage. Wer gewinnen will, muss die Zweikämpfe gewinnen. Wer sie verliert, sollte sich fragen, warum.

Alexander Nouri hat recht, es hilft nur eines: Weitermachen. Und auf den Lernerfolg der Spieler setzen. Denn der wird eintreten. Die ersten Anzeichen sind da. Es kann alles nur besser werden. Da bin ich mir sicher.

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Bin auf Lesereise

timtom-guerilla-coverLiebe Leser,

leider kann ich die kommenden Werderspiele gegen Leverkusen und Leipzig nicht kommentieren. Ich habe kürzlich meinen Roman TimTom Guerilla veröffentlicht und bin jetzt auf Tour, um ihn vorzustellen. Ich hoffe, ich komme überhaupt dazu, die Spiele zu sehen.

Falls es euch interessiert: Meinen Roman könnt ihr überall bestellen, wo es Bücher gibt, zB. bei Hugendubel. Weitere Infos über das Buch und wo ich lese findet ihr auf der Seite www.timtom-guerilla.de.

Euch allen hoffentlich schöne Werder-Erlebnisse! Bis bald,

Gofi

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Darmstadt 98 : Werder Bremen – 2:2

Man sollte dieser Tage nicht die Kommentare unter den online-Artikeln des Weser Kuriers und der Syker Kreiszeitung lesen, es sei denn man kann es mit Humor nehmen und stellt sich vor, hier sprächen die beiden Tattergreise der Muppet Show. Dann ist es wieder lustig. Bis vor kurzem noch sprachen sich die meisten Leser dafür aus, Alexander Nouri als Cheftrainer eine Chance zu geben. Jetzt, wo das geschehen ist, treten die Mahner und Warner auf den Plan. Der Neue sei zu jung, zu unerfahren, heißt es. Man hätte die noch folgenden Spiele abwarten sollen, bevor man eine Entscheidung trifft und überhaupt – eine Schwalbe mache noch keinen Sommer.

Ich persönlich habe mich ja schon früh festgelegt, als ich schrieb, dass ich mir Nouri als Trainer wünsche. Und dass es jetzt tatsächlich so gekommen ist, freut mich sehr. Es mag stimmen, was Cedric Voigt in seiner Analyse des Darmstadt-Spieles geschrieben hat, dass der Trainer nämlich in der ersten Halbzeit eine falsche Marschroute vorgegeben hat, als er auf das inzwischen bewährte Fünfzweidreieins/Viereinsviereins-Mischsystem zurückgegriffen hat. Voigt stellt fest, dass dieses System gegen mannorientierte Darmstädter viel zu statisch gewesen sei.

Richtig ist auf jeden Fall, dass Werder spielerisch nichts auf die Kette bekam. Allerdings wäre ich in diesem Fall ausnahmsweise dazu bereit gewesen, die Spieler statt des Trainers in die Pflicht zu nehmen. Viel zu oft ging der Ball durch technische Fehler verloren oder fand seinen Adressaten nicht, das Dreieck im Mittelfeld bestehend aus Grillitsch, Junuzovic und Fritz funktionierte überhaupt nicht, was meiner Ansicht nach vor allem an Fritz lag, dem es scheinbar an Kraft oder Konzentration oder beidem mangelte. Werders Spiel wirkte, wie Voigt schon schrieb, statisch, häufig beinahe ratlos. Hinzu kam die Tatsache, dass die gefährlichen Freistöße der Darmstädter scheinbar nicht zu verhindern waren. So sehr sich Werders Defensive auch abmühte, keine Standards zu verursachen, die Hessen suchten jeden Körperkontakt und erreichten oft, dass das Spiel zu ihren Gunsten unterbrochen wurde. Norbert Meiers Plan ging in der ersten Hälfte also vollkommen auf.

Aber das ist eben das Schöne an Nouri: Selbstverständlich trifft er auch falsche Entscheidungen. Aber er ist in der Lage, sie zu erkennen und zu korrigieren. Ich sage es ganz offen, ich habe bis zum Abpfiff nicht hundertprozentig kapiert, welche Maßnahmen der Trainer in der Pause ergriffen hat, um dem Spiel eine andere Richtung zu geben, erst Voigts Analyse hat mir da auf die Sprünge geholfen. Als System muss das wohl so ausgesehen haben:

Auf dem Platz jedoch war Werders Spielverhalten viel fluider und nicht nur für den Zuschauer, sondern auch für den Gegner viel schwerer zu durchschauen.

Die Auswechslung von Hajrovic war nachvollziehbar, der Bosnier war in der ersten Halbzeit praktisch nicht vorhanden. Ob er mit der neuen Rollenverteilung genauso gut zurecht gekommen wäre, wie Bartels, kann niemand sagen. Fakt ist jedenfalls, dass Bartels‘ Präsenz Werders Spiel gut tat. Der Norddeutsche durfte das machen, was er gut kann: dribbeln und schnell sein und Abwehrreihen schwindelig spielen.

Sternbergs Einwechslung gegen den nicht überragenden, aber defensiv soliden Bauer dagegen habe ich mit gemischten Gefühlen verfolgt. Wenn Sternberg eingewechselt wird, löst das bei mir jedes Mal Unwohlsein aus. Seine Stellungsfehler sind inzwischen so etwas wie eine Erkennungsmarke geworden, der Mann ist nach vorne dynamisch und nach hinten flüchtig. Aber Dynamik fehlte dem Werderspiel nun einmal, und insofern ist die Einwechslung nachvollziehbar. Der Trainer wird Sternbergs Defensivschwäche gekannt haben, aber Fußball ist ein Spiel, und wer spielt, muss Risiken eingehen, das gehört nun mal zur Natur des Spieles an und für sich. Dass es dann ausgerechnet ein Sternbergscher Stellungsfehler war, der aus einem möglichen Sieg ein Unentschieden machte, ist so gesehen kein Pech. Nouri hatte gezockt und in diesem speziellen Fall verloren.

Aber kommen wir noch einmal zurück auf seine taktische Antwort auf den Denkfehler der ersten Hälfte. DAS zeichnet doch einen guten Trainer aus, dass er ein Problem erkennt und darauf zu reagieren weiß, und nicht die Tatsache, dass er nie Fehler macht (selbst Guardiola macht Fehler) oder dass er über wahnsinnig viel Erfahrung verfügt (frag mal Julian Nagelsmann nach seiner Bundesligaerfahrung). Werder hat endlich wieder einen Trainer der 1. das Spiel liebt und der 2. davon ausgeht, dass seine Entscheidungen einen Einfluss auf dessen Verlauf haben. Hat da jemand ‚Das ist doch selbstverständlich!‘ gerufen? Nein, in Bremen ist es das nicht.

Ich behaupte, es gibt im Groben zwei Arten von Trainern. Die eine Sorte geht fest davon aus, dass, wenn das Spiel erst einmal angepfiffen worden ist, es die Spieler richten müssen. Magath ist so einer. Auch Ancelotti kommt mir so vor (auch wenn ich das nicht wirklich beurteilen kann). Und so, wie Skripnik die Spiele gecoacht oder eben nicht gecoacht hat und wie er sich über die Spiele anschließend ausgelassen hat, sieht er die Dinge wohl ähnlich. Die andere Sorte Trainer versucht bis ins Detail auf die Spielereignisse Einfluss zu nehmen. Guardiola ist der Prototyp. Laut Thomas Müller denkt der bis auf den Meter über die genaue Positionierung seiner Spieler nach. Und auch wenn ich selbstverständlich Nouri nicht mit dem Spanier vergleichen will, gibt es doch eine Gemeinsamkeit zwischen den beiden: Für sie ist Fußball auch eine geistige Leistung, und nicht nur die Angelegenheit von motorisch besonders befähigten Individuen. Man spricht in Bremen wieder vom Team, von einstudierten Abläufen, gemeinsamen Verhaltensweisen und einer Philosophie, die es zu verfolgen gilt. Die Idee hat wieder einen Platz an der Weser.

Das ist so schön, so wohltuend, so beglückend, dass ich Nouri einen ganzen Sack voll Fehler zu verzeihen bereit bin, ich fände sogar eine weitere Saison Abstiegskampf okay, solange diese neue Linie weiterverfolgt wird und diesem Trainer, der gerade mal so alt ist wie seine ältesten Spieler, die Chance eingeräumt wird, Fehler zu machen, zu lernen und weiterzuwachsen. Dann wird er ein richtig Guter. Und dann wird Werder, diese mittlerweile ziemlich graue Flussratte, wieder ein attraktiver Verein.

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Werder Bremen : VfL Wolfsburg – 2:1

Die Experten am Sky-Tisch schwiegen und lauschten. Ihnen blieb auch gar nichts anderes übrig, denn um sie herum toste das Weserstadion. Vierzigzausend Kehlen schrien den Song ‚Wir sind Werder Bremen‘. Die Experten lächelten amüsiert, aber irgendwie auch beeindruckt. „Haben die gerade die Meisterschaft gewonnen oder was?“, fragte der eine.

Wir sind nun mal nicht verwöhnt. Wir hegen auch tatsächlich nicht den Anspruch, in der Champions League zu spielen, auch wenn uns das immer wieder unterstellt wird. Wir wissen sogar, dass der Abstiegskampf noch immer das realistischste Szenario für diese Saison ist. Aber wir lieben diesen Verein und wir waren drauf und dran, den Glauben daran zu verlieren, dass die Grün-Weißen noch mal irgendetwas gebacken kriegen würden. Das Spiel gegen Mainz hat unsere Hoffnungen neu geweckt, aber das gegen Wolfsburg hat sie bestätigt, und das, nachdem alles wieder einmal nach einer werdertypischen Pleite aussah. Da kann man schon mal ausrasten, wenn man Werder-Fan ist.

Die Mannschaft spielte wieder Fußball. Sie spielte als Mannschaft, sie folgte einem Plan. Jeder einzelne wusste, was zu tun war, und er tat es. Und selbstverständlich ist das Alexander Nouri zu verdanken, wem denn sonst? Wem sollte man sonst dafür dankbar sein, dass zum ersten Mal seit dem Finale der vergangenen Saison wieder ein KONZEPT zu erkennen war, ein klar durchdachter Plan, dem die Spieler folgen konnten, weil sie klare Anweisungen erhalten hatten? Wer denkt, dass Nouri nur motivieren kann, weil er ein so extrovertierter Typ ist, hat die Spiele gegen Mainz und Wolfsburg anscheinend nicht gesehen.

Auf dem Papier stand vor der Partie wohl ein Vierzweidreieins. Das war aber nur die Ausgangslage, denn Werders System changierte zwischen einem Viereinsviereins mit dem Ball und einem Vierdreidrei gegen den Ball, das ein bisschen an das Tannenbaumsystem erinnerte, das Jürgen Klopp zu Beginn seiner Zeit bei Liverpool gegen den Ball spielte (das könnte man dann auch als ein Vierdreizweieins verstehen). Um diese Formation hinzubekommen, wechselten Gnabry und Manneh die Plätze, so dass Manneh jetzt die linke Mittelfeldposition hatte, und dann zogen sich er und auf der anderen Seite Hajrovic so weit zurück, dass sie fast auf der Höhe des Sechsers Grillitsch waren, während der andere nominelle Sechser Fritz den Gegner gemeinsam mit Junuzovic attackierte, während Gnabry ganz vorne die erste giftige Werderspitze war und im Moment des Umschaltens den Ball erhalten und sichern konnte, während Manneh wieder auf seinen angestammten Platz im Sturm zog.

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Mit dem Ball

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Gegen den Ball.

Ein toller Plan, der in der Offensive für Gefahr sorgte, während er defensiv das Zentrum hinten dicht machte. Und die Profis sind eben Profis, sie brauchen offensichtlich gar keine Wochen oder sogar Monate, um die Ideen ihres Trainers zu kapieren, sie scheinen in der Lage zu sein, zuzuhören und das Gehörte umzusetzen. Ich will ganz ehrlich sein, ich habe das nicht mehr für möglich gehalten. Und ich will noch ein wenig ehrlicher sein: Ich finde, das wirft ein wirklich schlechtes Licht auf die Arbeit des Ukrainers und auf das Urteilsvermögen der Vereinsoberen. Aber vielleicht ist alles auch ganz anders, und vielleicht kann ich die Situation hinter den Kulissen einfach nicht beurteilen. Ich gebe zu, dass das durchaus der Fall sein mag.

Zurück zu Nouri: Was hat der Mann für Cojones? Da lässt er auf der Ersatzbank nicht etwa die Spieler Platz nehmen, die sein Vorgesetzter für teures Geld eingekauft hat, sondern seine Jungs aus der U23. Und warum? Weil er sie besser kennt, weil er um ihre Stärken weiß und darum, wie er sie einsetzen muss, wenn es dazu kommen sollte. Und so kommt es tatsächlich: Sanè verletzt sich beim Aufwärmen, er wird durch Vejlkovic ersetzt, und der macht ein grandioses Spiel. Wer hätte das gedacht? Ich nicht! Und dann liefert ausgerechnet Schmidt – wer ist das überhaupt? – die Ecke, die das Zweizueins bringt.

Da leg ich mich fest: Wenn das Glück war, dann war es das Glück des Tüchtigen. Da hatte einer Erfolg, der genau wusste, was er tun wollte, und dann die Eier hatte (Entschuldigung) das durchzuziehen.

Und deshalb muss Alexander Nouri auch Trainer bei den Profis bleiben. Finde ich. Aber klar, der Verein muss auch an die zweite Mannschaft denken, und wenn man sich anschaut, dass sie gerade zwei Mal hintereinander verloren hat, könnte man den Eindruck haben, dass sie ihren alten Trainer vermisst. Wer das Spiel gegen Wolfsburg gesehen hat, versteht das sofort.

(Eine versiertere Taktikanalyse, die auch erklärt, wie Nouri auf den Rückstand reagierte, findet sich hier.

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Werder Bremen : 1. FSV Mainz 05 – 1:2

Hallo, liebe Werder-Freunde, entschuldigt, dass es ausgerechnet in diesen turbulenten Zeiten hier so ruhig ist. Ich stehe kurz vor der Veröffentlichung meines ersten Romans und muss gerade alle Zeit und Power darauf konzentrieren.

Deshalb in aller Kürze das Wichtigste: Den Kommentar zum Gladbachspiel habe ich mir verkniffen, weil es zu diesem Quatsch nichts zu sagen gab. Es hat sehr schöne Kommentare gegeben, die Werders taktisches und spielerisches Verhalten analysiert und auseinandergenommen haben. Ich habe mich noch nicht einmal bei der Niederlage in München so sehr für Werder geschämt wie bei dem Spiel gegen die Fohlen, und ich bin sehr froh, dass der Trainerwechsel endlich stattgefunden hat.

Dass er erst jetzt passiert ist und nicht schon am Ende der letzten Saison, ist ein schwerer Fehler der Vereinsführung. Mein Eindruck, auch nach dem gestrigen Spiel gegen Mainz, ist, dass die Saisonvorbereitung alles andere als gut verlaufen ist. Die konditionellen Probleme der Spieler gegen Spielende sind allzu offensichtlich. Mit diesem Problem werden wir bis zur Winterpause zu kämpfen haben, und es wird uns Punkte kosten.

Gleichzeitig freue ich mich aber über das Engagement von Alexander Nouri. Und ich hoffe, dass er uns länger erhalten bleibt. Mein Eindruck ist, dass er genau der Kopf ist, den Werder jetzt braucht. Er hat gestern nicht alles richtig gemacht. Dass er Junuzovic für Fröde ausgewechselt und damit einen der beiden Leader vom Platz genommen hat, war meiner Ansicht nach ein Fehler. Andererseits hat er Hajrovic und Manneh aufgeboten, worüber ich mich sehr gefreut habe. Und hätte der Bosnier auch noch das Zweizunull geschossen, wäre er der Held und Nouri der König von Bremen gewesen. Schade, dass es nicht dazu gekommen ist.

Ja, schade, denn es war möglich, und dass ich das schreiben darf, zeigt schon, dass der Wind sich scheinbar dreht. Gebre Selassie, Manneh, Sané, Moisander, Hajrovic, Bauer (!), Drobny, Grillitsch, Fritz – sie alle haben gestern eine wirklich gute, für Werder-Verhältnisse: formidable, Leistung gezeigt. Die Mannschaft hat bewiesen, dass sie doch noch Standards verteidigen kann. Dass sie es so häufig beweisen musste, war natürlich ein Problem. Aber lange Zeit stand die Defensive sicher. Das Problem war eher, dass das Mittelfeld es nicht fertigbrachte, den Ball über längere Zeit zu halten und das Spiel ruhiger aufzubauen (das war vor allem in der zweiten Halbzeit der Fall). Andererseits war häufig zu beobachten (vor allem in der ersten Halbzeit), dass der Pass im Spielaufbau nicht überhastet gespielt wurde, sondern mit Bedacht. Keine Ahnung, wie die Passquote am Ende aussah, aber ich spreche vor allem von dem Mut, den Ball zu halten und dann gezielt und überlegt zu spielen. Das hat mir imponiert.

Am Ende klappte das nicht mehr, weil die Spieler ausgepumpt waren. Und so fielen leider auch die Gegentore. Zu viele Fehler wurden gemacht aufgrund des Kräfteverschleißes. Das war vor allem an Fritz gut zu beobachten. Und an Gnabry, der nach einer starken Anfangsphase von der Bildfläche verschwand, sich auf Defensivarbeit beschränkte und das nicht besonders gut machte, während seine technischen Fähigkeiten eigentlich dafür benötigt worden wären, um den Ball vorne festzumachen.

Ach ja, ich hab ja eigentlich gar keine Zeit. Ich schenk mir also die taktische Ausrichtung der Mannschaft (die an das Viereinsviereins der vorigen Saison erinnerte) und freu mich. Trotz der Niederlage. Weil es nämlich aufwärts geht, Freunde, ganz sicher.

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Werder Bremen : FC Augsburg – 1:2

Ich habe einen Bekannten, der tatsächlich etwas von Fußball versteht. Nicht immer stimme ich seinen Analysen zu, aber ich respektiere sein fachliches Wissen. Womit er mich allerdings wirklich auf die Palme bringen kann, ist, wenn er meine Unzufriedenheit über Werder kritisiert und uns Fans vorwirft, wir seien noch immer nicht in der Realität angekommen und hätten wohl die Illusion, dass wir eigentlich in die Champions League gehörten.

Diesen Vorwurf muss man sich als Bremer Anhänger in diversen Foren immer wieder gefallen lassen. Eigentlich sollte man drüber stehen, man sollte mitleidig lächeln, den Kopf schütteln und es auf sich beruhen lassen. Aber so ist eben, wenn sich Arroganz mit Ignoranz paart: Es treibt einem den Puls in die Höhe, es ist unheimlich schwer, trotz allem ruhig weiter zu atmen und so zu tun als sei nichts geschehen.

Alles, was wir von unserer Bremer Fußballbundesligamannschaft sehen möchten, ist nämlich Bundesligafußball. Ich meine damit: die ERSTE Fußballbundesliga. Mehr nicht. Wir scheißen auf die Europa League. Wir gucken auch gerne den Dortmundern, Bayern, Gladbachern oder wem auch immer bei ihren Champions-League-Spielen zu. Warum sollten wir uns ernsthaft Einszusieben-Klatschen gegen irgendeinen französischen Meister antun wollen? Wer will so was? Ich nicht. Alles was wir wollen, ist, in der ersten deutschen Liga nicht mehr wie Deppen dastehen zu müssen. Und das soll jetzt also zu viel verlangt sein, oder was?

Das Traurige ist, dass Werder in den ersten fünfundvierzig Minuten der gestrigen Partie genau das gezeigt hat, mal mehr, mal weniger. Der Plan war offensichtlich, und er war gut: Frühes Pressing sollte den Spielaufbau der Augsburger stören, bei Ballgewinn sollte schnell umgeschaltet werden. Auf den Flügeln warteten Gnabry und Bartels darauf, ihre Schnelligkeit einsetzen zu können, Junuzovic sollte die Außenbahnspieler und auch Jóhannsson einsetzen und gleichzeitig zusammen mit den anderen Druck auf die Innenverteidigung und den Torspieler ausüben, während der Stürmer sich immer wieder zurückfallen lassen und beim Spielaufbau im vorderen Zentrum mithelfen sollte. Das war kein Guardiola-Plan, es war keine Zauberkunst, das war einfach nur ein guter Plan für eine gar nicht mal so schlechte Mannschaft, die gegen einen etwa gleichstarken Gegner antrat. Und die Mannschaft machte es zunächst auch gut. Punkt. Dieser Satz muss jetzt einfach so dastehen, wir dürfen mal kurz innehalten, die Augen schließen und es uns selbst zusprechen: Ja, sie machte es eigentlich ganz gut.

Zlatko Junuzovic hat schon seit längerem kein so gutes Spiel mehr gemacht wie in der ersten Halbzeit gegen Augsburg. Da dürfen mich die selbsternannten Fachleute jetzt gerne alle auslachen. Es war formidabel, wie er sich in jeden Zweikampf warf, es aber nicht beim Kämpfen beließ, sondern, bereichert durch kleine, sporadische Geistesblitze von Gnabry, das Spiel gestaltete.

Dass Werders Angriffsspiel trotzdem nicht erfolgreicher war, lag daran, dass erstens Serge Gnabry bei aller offensichtlichen Begabung einfach noch nicht mit den Kollegen harmonierte (wie soll das auch so schnell passieren?) und zweitens Finn Bartels die gute Form des vergangenen Saisonfinales nicht mehr hat. Es ist wirklich bedauerlich, weil er sich alle Mühe gab und auch viel nach hinten arbeitete, aber das meiste, was er ablieferte, war schlichtweg Grütze. Wäre Gebre Selassie nicht so gut gewesen, wäre über die rechte Seite nicht viel passiert.

Doch, doch: TGS war gut. Wohlgemerkt, wir reden über die erste Halbzeit, und da vor allem über die ersten zwanzig Minuten und die letzten fünf bis acht Minuten. Dazwischen kündigte sich schon das Elend der zweiten Hälfte an. Aber die Hoffnung lebte noch und die freudige Überraschung darüber, dass man es möglicherweise doch nicht verlernt hatte, Fußball zu spielen.

Drittens (um die obige Aufzählung fortzuführen) hatte Jóhannsson einen sehr schweren Stand gegen eine sehr gut organisierte Augsburger Abwehr (Vielleicht könnte unser Trainer mal ein Praktikum bei Dirk Schuster absolvieren, um zu lernen, wie man eine Abwehr organisiert, Frings und Kohfeldt könnten solange das Training übernehmen, das kann doch eigentlich gar nicht so viel Schaden anrichten.) und machte das unter den gegebenen Umständen zwar sehr gut, musste sich aber häufig tief fallenlassen, um sich dem Druck der Verteidigung zu entziehen, und fehlte dadurch als Anspielstation in der Spitze. Wie gut Jóhannsson seine Aufgabe erledigte, konnte man merken, als Bartels seine Rolle übernahm und ab da quasi nicht mehr gesehen ward. Er verschwand einfach aus dem Spiel – puff! – wie Frodo, wenn er den Ring aufsteckt.

Zur Pause konnten also alle zufrieden sein. Die Mannschaft hatte Kampfgeist bewiesen, sie hatte sich an den Plan gehalten, sehr vieles war nicht geglückt, aber hey! wer hatte das schon erwartet? Unsere Ansprüche sind schließlich nicht hoch, alles, was wir sehen wollen, ist BundesligaDURCHSCHNITT. Mehr nicht. Verstehste?

Und dann kam die zweite Halbzeit, der nicht gegebene Elfmeter (wie soll ein Linienrichter das auch sehen – bei der Entfernung? Und was da in der Luft alles rumfliegt: Insekten, Pollen, vielleicht Grashalme, dazu die Lautstärke, da kann man dem Mann an der Linie eigentlich keinen Vorwurf machen) und dann eine Standardsituation. Eine Ecke. Und die alte Bremer Rammdösigkeit. Wir erinnern uns: In der vergangenen Spielzeit hagelte es Tore nach Ecken und Freistößen. Erst gegen Ende der Saison sickerte bei den Abwehrspielern die Erkenntnis durch, worauf bei einer Standardsituation zu achten sei. Aber jetzt ist es eine neue Saison mit teilweise neuen Abwehrspielern. Da muss man eben wieder von vorne anfangen. Folglich erzielten die Augsburger ihre Tore nach einer Ecke und durch einen Freistoß.

Sicher, es waren nicht nur die Standards, die die Bremer Verteidigung ins Wanken brachte. Auffällig oft wussten die Spieler nicht, was sich gerade in ihrem Rücken tat. Offensichtlich klappt die Abstimmung noch nicht, auch wenn der bedauernswerte Luca Caldirola einige Male wunderbar abräumte (vor allem in der ersten Halbzeit) und manchmal auch gut stand. (Manchmal stand er auch wirklich schlecht.) Ach so: Rammdösigkeit, das war das Stichwort. Nachdem Gebre Selassie also den Augsburger Innenverteidiger ziehen und unbedrängt sein Tor machen ließ, verschwand er weitestgehend von der Bildfläche. Das machte aber nichts, denn da war ja noch der Kollege Sané, der das Projekt ‚Rammdösigkeit oder: Wie mache ich mir selbst das Leben zur Hölle?‘ fortführen konnte. Er hatte schon zuvor erfolglos versucht, dem Gegner zum Tor zu verhelfen, indem er ihn entweder übersah oder geschickt das Abseits aufhob. Als das alles nichts half, griff er zu gröberem Besteck und trat dem Gegner in die Hacken, als der sich aus dem Strafraum HERAUS bewegte. Das also war der Anlass zum Freistoß, der zum zweiten Gegentor führte. Herzlichen Glückwunsch.

Dann war die Luft raus. Und zwar so sehr raus, dass man mal die Frage stellen sollte, ob das eigentlich wirklich nur ein mentales Problem bei Werder ist oder nicht vielleicht doch auch ein physisches. Als die Spieler so gar nicht mehr konnten und als Junuzovic vor der Sky-Kamera gestand, dass zum Schluss die Kraft gefehlt habe, da musste man als Beobachter unwillkürlich an die Szene denken, als Yatabaré im Spiel gegen München von Krämpfen geplagt auf dem Boden lag. In der achtzigsten Minute. Im ersten Spiel der Saison. Und wenn man sich dann noch daran erinnert, dass – nach Aussage des Trainers wohlgemerkt – die Mannschaft nicht ausreichend gut trainiert in die letzte Saison gestartet sei, dann kann einem schon ein bisschen schlecht werden.

Frank Baumann hat im gestrigen Spiel Fortschritte gesehen. Ja, da hat er recht. Zum ersten Mal in dieser noch jungen Saison hat Werder zumindest phasenweise wie ein durchschnittlicher Bundesligist gespielt. Als Bundesligist. Ich hatte eigentlich gedacht, dass man bei den Bremern höhere Ansprüche stellt. Aber ich sag das lieber nicht so laut, sonst wirft mir noch irgendein Idiot vor, ich würde es wohl nicht verkraften, dass die Grün-Weißen nicht mehr Champions League spielen.

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Bayern München : Werder Bremen – 6:0

Lotte war kein Ausrutscher. Lotte ist der derzeitige Zustand von Werder Bremen, und zwar nach wochenlanger Vorbereitung in insgesamt drei Trainingslagern. Und dass das der Fall ist, hat sich gestern im Spiel gegen die Bayern gezeigt.

Es stand natürlich im Vorhinein fest, dass das Spiel verloren gehen würde, unabhängig davon, was zum Beispiel der wackere Dieter ‚Budde‘ Burdenski in der Kreiszeitung zum Besten gegeben hat. Ernstgenommen hat ihn eh niemand. Und es war auch klar, dass die Kolumne des Berufsoptimisten und Werder-Vertrauten Arnd Zeigler im Weser Kurier nichts weiter war, als das Pfeifen im Wald. Obwohl ich zugeben muss, dass er mich fast drangekriegt hätte, denn ich bin leichtgläubig und glaube gerne an das, was ich glauben möchte, zum Beispiel, dass Viktor Skripnik vielleicht doch das Format hat, eine Mannschaft der ersten Bundesliga zu trainieren. Aber mit Glaube und Hoffnung ist man bei Werder schlecht bedient, es bleibt, wie immer, die Liebe. Und mit Skripnik als Trainer ist man ebenfalls schlecht bedient. Bei dieser Meinung werde ich bleiben, bis mich irgendjemand, am besten die Mannschaft, vom Gegenteil überzeugt.

WIE diese Niederlage zustande gekommen ist, das war … ebenfalls absolut erwartbar, jedenfalls dann, wenn man die Testspiele gesehen hat, inklusive des 1:0 gegen Ingolstadt, das von der Mannschaft geradezu verzweifelt als Argument dafür vorgebracht worden ist, dass doch nicht alles ganz so schlecht sei, wie das Umfeld es behaupte.

Über das gestrige Spiel Werders lässt sich nichts schreiben. Ich persönlich konnte weder System noch Plan erkennen, das müssen andere machen, die mehr Ahnung vom Fußball haben als ich. Was ich gesehen habe, war ein aufgescheuchter Haufen von Fußballern, bei denen sich manche (z. B. Grillitsch) am liebsten überhaupt nicht bewegen wollten, während andere (z. B. Yatabaré) hyperaktiv über den Platz stürmten.

Vergessen wir also das Spiel und bleiben zunächst beim Trainer. Bei Sky hat der Experte Didi Hamann die Schuldigen der Niederlage klar ausgemacht. Seiner Ansicht nach seien es die Spieler gewesen, die das Einmaleins des Fußballs vergessen hätten und nicht bereit gewesen wären, ihren Job auszuüben. „Sie haben schließlich“, sagte er nicht zu Unrecht, „einen Vertrag mit dem Verein und nicht mit dem Trainer. Und sollten sie mit dem Trainer nicht einverstanden sein, dann ändert das nichts daran, dass sie eine Verantwortung gegenüber ihrem Arbeitgeber haben, ihren Job zu machen.“ Diese Aussage stimmt natürlich, zielt aber am eigentlichen Problem vorbei.

Mehmet Scholl, der Experte der ARD, traf den Punkt besser, als er sagte: „Sie sind alle gelaufen, jeder hat sich gegen die Niederlage gestemmt – aber jeder für sich. Und so geht das nicht. Wenn du nicht als Team zusammenarbeitest, hast du keine Chance.“ Er unterstellte den Spielern also keine fehlende Arbeitsmoral, sondern die Tatsache, dass ihnen unklar gewesen sei, was genau sie zu tun hatten.

Sollte das stimmen, und alles, was gestern Abend in München passiert ist, deutet daraufhin, dann geht der Blick wieder zurück zu Skripnik. Noch vor dem Spiel bekräftigte Frank Baumann in die Sky-Kameras: „Seit ich Geschäftsführer bin und mit Viktor Skripnik zusammenarbeite, bin ich umso überzeugter, dass er der richtige Mann für Werder Bremen ist.“ Nach dem Spiel im Studio der ARD war er natürlich etwas kleinlauter, bekräftigte aber seine Sätze und toppte das Ganze noch mit dem Versprechen, dass der Trainer selbst dann nicht entlassen werden würde, wenn er die nächsten acht Spiele auch noch verlöre. In diesem Augenblick machte sich im Magen des Betrachters ein flaues Gefühl breit, das vielleicht mit dem Gefühl vergleichbar ist, das einer hat, wenn er beobachtet, wie sich jemand auf das Geländer einer hohen Brücke stellt und droht zu springen. Warum sollte irgendjemand so etwas tun, wenn er noch ganz bei Trost ist? Glaubt Baumann wirklich an das, was er sagt? Ich kann mir das kaum vorstellen.

Eigentlich ist es peinlich, aber ich muss mich an dieser Stelle selbst zitieren. In meinem Resümee der vergangenen Saison habe ich mich für einen Trainerwechsel ausgesprochen und das folgendermaßen begründet:

„[Mir kommt] Viktor Skripnik nicht vor wie ein Mann, der sich in einer neuen Situation schnell zurecht findet und ad hoc die richtigen Schlüsse daraus zieht. Ich halte ihn für einen bodenständigen, willensstarken (um nicht zu sagen: sturen) Charakter, der weiß, was er will und auf welchem Weg er das erreichen möchte. Das sind bewundernswerte Eigenschaften, die ihn sympathisch machen. Aber ich glaube, für den Job als Werdertrainer sind es die falschen. Denn der Umbruch ist noch lange nicht zu Ende. Spieler werden gehen, neue Spieler werden kommen, das Gefüge der Mannschaft wird sich dadurch verändern. Und dann wird es neue Maßnahmen geben müssen, die Situation muss neu evaluiert werden, vielleicht wird man unorthodoxe Wege finden müssen. Das, was Werder sich gerade mühsam erarbeitet hat, könnte morgen schon Makulatur sein. Und da braucht es einen flexiblen, erfindungsreichen, geistig aufgeschlossenen Trainer, dem Konventionen und Traditionen egal sind, der spontan einschätzen kann, wozu seine Spieler in der Lage sind, und der sie dann entsprechend einzusetzen weiß. Ganz ehrlich: Ich traue ihm das nicht zu. Das, behaupte ich, sind gerade NICHT seine Stärken.“

Ich traue es ihm immer noch nicht zu. Meiner Ansicht nach ist er heillos überfordert. Thomas Eichin hat das erkannt. Frank Baumann will es immer noch nicht glauben. Und selbst, wenn er es inzwischen täte, es wäre ohnehin zu spät.

Was wird also passieren? Wir werden die Duplizität der Ereignisse erleben. Werder wird durch die erste Hälfte der Saison taumeln, wie schon im vergangenen Jahr. Von Anfang werden sie gegen den Abstieg spielen und dadurch zusätzlich unter einem enormen psychischen Druck stehen. Erst im Lauf der Saison wird das viel zu langsam reagierende Trainerteam eine Spielphilosophie ausbaldowert haben, mit der die Mannschaft einigermaßen erfolgreich fußballspielen kann. Und dann wird es in einem dramatischen Finale, genau wie das letzte Mal, um die Frage gehen, ob Werder oben bleibt oder absteigt. Der Ausgang ist völlig unklar.

Das ist schade. Denn der Kader gibt mehr her als das. Er umfasst Spieler, die in den Ligen verschiedener Länder, einschließlich der Bundesliga, ihre Erstklassigkeit nachgewiesen haben. Warum tun sie es dann jetzt nicht? Warum stellen sie nicht unter Beweis, was sie drauf haben? Weil Fußball ein Mannschaftssport ist, in dem technische Fähigkeiten und taktisches Verständnis nur einen Teil der Anforderungen darstellen. Die größte Herausforderung besteht darin, das, was an Fähigkeiten vorhanden ist, zu einem mannschaftlichen Ganzen zusammenzufügen. Wenn das gelingt, können sogar schwächere Mannschaften einen stärkeren Gegner schlagen. So wie Lotte.

Das herbeizuführen ist die Aufgabe des Trainers. Dieses Trainers oder eines anderen.

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SF Lotte : Werder Bremen – 2:1

Herzlich willkommen zu einer neuen Saison, liebe grünweißen Leidensgenossen. Ein Sommer ohne Zittern und Zagen liegt hinter uns, in dem wir uns der Glücksbesoffenheit darüber hingeben konnten, dem Abstieg noch einmal entronnen zu sein. Jetzt geht es weiter.

Es geht weiter mit fußballerischer  Hausmannskost, mit biederem Fußball, in dem der Zufall eine größere Rolle spielt, als taktische Überlegungen und strategische Planungen. Es geht weiter mit einer Art zu spielen, die in der Bundesliga nichts zu suchen hat.

Werder hat wieder einmal in der ersten Runde des DFB-Pokals gegen einen Drittligisten verloren. Und wer das Spiel gesehen hat, weiß, dass das völlig zurecht geschehen ist. Die Mannschaft zeigte alle jene Schwächen, die es auch in der vorigen Saison und auch in den Testspielen zu bestaunen gab: eklatante Verteidigungsfehler bei Standards, ein miserables Stellungsspiel und schlecht abgesprochene Laufwege.

Sollte sich das Desaster der vergangenen Spielzeit wiederholen, liegt es diesmal ausdrücklich nicht am Kader. Frank Baumann hat bei dessen Zusammenstellung ganze Arbeit geleistet. Er ist ganz sicher bundesligatauglich. Nein, es wird ausschließlich darauf ankommen, was Skripnik aus den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln macht. Und da lassen sowohl die Testspiele als auch das Spiel gegen Lotte nichts Gutes ahnen.

Der Drittligist brauchte nichts weiter zu tun, als beherzt Fußball zu spielen. Seine Mittel waren begrenzt, aber die, über die er verfügte, wusste er erfolgreich anzuwenden. Die Laufwege stimmten, Pässe fanden ihre Abnehmer, die Standards waren herkömmlich, wurden aber durch die Bremer Defensivschusseligkeit gefährlich.

Bei Werder passte meistens gar nichts zusammen.

Zwei Trainer standen sich einander gegenüber. Der eine, der Bremer, verfügte über ein ungleich größeres Arsenal an taktischen und technischen Möglichkeiten. Aber es war der Mann aus Lotte, der wusste, wie er das bisschen, das er hatte, sinnvoll einsetzen musste.

Was nützen einer Mannschaft außergewöhnliche (ich meine: bundesligaübliche) Fertigkeiten am Ball, wenn der eine Spieler nicht weiß, wohin der andere im nächsten Moment laufen wird? Unter diesen Umständen sehen auch jene Spieler, die in der Lage sind, einen Spielzug aufzubauen, wie zum Beispiel Moisander oder Sané, schlecht aus. Der Laufweg gibt die Richtung des Passes vor, nicht umgekehrt. Dazu braucht es Absprachen. Und die waren bei Werder selten zu sehen. Ja, in den ersten und den letzten zwanzig Minuten der zweiten Halbzeit gelangen ein paar gute Spielzüge vor dem gegnerischen Strafraum. Das war’s dann aber auch.

Mehr braucht man zu dieser Partie nicht sagen. Die rote Karte gegen Bartels? Geschenkt. Sternbergs übliche Stellungsfehler, Moisanders vergebliche Versuche, die Abwehr zu organisieren? Reden wir nicht drüber. Werder hat ernstere Probleme als das. Es fehlt, wie auch schon zu Beginn und über weite Strecken der vergangenen Saison, eine klare Vorstellung darüber, wie man dieses schöne Spiel als Mannschaft spielen will.

Warten wir also wieder einmal auf die große Erleuchtung. In der letzten Saison hat es sehr lange – viel zu lange – gedauert, bis sie endlich eintrat. Diesmal muss es schneller gehen.

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#WERDERBLEIBTOBEN

Ich ertappe mich dieser Tage dabei, dass ich fast ständig das Werder-Lied vor mich hin trällere. Da geht es mir scheinbar anders als @BurningBush78, der in seinem Blog-Post für 11 Freunde schreibt, dass bei ihm bei aller Erleichterung über den Klassenerhalt ein Gefühl der Leere zurückbleibt.

Die Kritik an Werders sportlichem Werdegang der vergangenen Saison und vor allem auch an der Arbeit des Trainers ist dieser Tage recht deutlich, zum Beispiel in einem Artikel von Frank Büter. Skripnik wird vorgeworfen, dass er es nicht geschafft habe, eine erkennbare Spielphilosophie zu entwickeln und die Defensive zu stabilisieren.

Das mag jetzt überraschend sein, aber ich finde diese Kritik nicht fair. Ich finde sie nicht MEHR fair. Sie HAT einmal zugetroffen, aber vor allem die letzten Spiele haben meiner Ansicht klar gezeigt, dass sich etwas getan hat, dass die von uns allen erhoffte und eingeforderte Entwicklung endlich (!) eingesetzt hat. Und jetzt ist es nun einmal so, dass Werder die Saison auf dem 13. Tabellenplatz beschließt und ausgerechnet in den letzten beiden Begegnungen kein Gegentor kassiert hat, ein geradezu biblisches Wunder, wenn man sich den Rest der Saison betrachtet. Da kann man sagen, was man will, aber das entspricht absolut dem sportlichen Vermögen dieses Teams. Mindestens. Am Ende stehen sie verdientermaßen da, wo sie hingehören

Ja, es hat eine Entwicklung gegeben, und ich bin davon überzeugt, dass wir sie alle noch deutlicher sehen könnten, wenn die Saison noch ein paar Spieltage weitergehen würde. (Gottseidank tut sie das nicht!) Das Spiel gegen Frankfurt hat gezeigt, wozu Werder inzwischen in der Lage ist. Das Team kann das Tempo kontrollieren, es kann ruhig aufbauen oder Druck machen, es kann einen ebenbürtigen Gegner in den eigenen Strafraum drücken, es kann Torchancen erspielen und gegen eine gute Defensive die eine Möglichkeit erzwingen, die nötig ist, um das Spiel zu gewinnen. Und sie kann endlich Gegentore verhindern, ja sie kann mittlerweile sogar Standards verteidigen. Alle diese Punkte haben wir in den vergangenen Monaten bemäkelt, und ich denke, man darf behaupten, dass in allen Fortschritte gemacht wurden. Darüber hinaus beherrscht Werder sowohl das Viereinsviereins wie auch das Viervierzwei gleichermaßen. Es ist endlich die nötige Variabilität erkennbar, die wir solange vermisst haben. Ich persönlich denke, dass die Fachleute dem Trainer ein besseres Zeugnis ausstellen würden, wenn noch ein paar Spiele zu bestreiten wären. Für seine Reputation (vielleicht nicht für seine Nerven) kommt das Saisonende leider zu früh.

Bedeutet das, dass er bleiben und auch in der kommenden Spielzeit das Ruder übernehmen sollte? Da bin ich mir nicht so sicher. Die Frage, die letztlich nicht geklärt ist, ist: Warum hat es so lange gedauert, bis die positive Entwicklung endlich eingesetzt hat? Ein wichtiger Punkt ist ganz sicher das psychische Moment. Die Vereinsführung hat zu Beginn der Saison einen recht unerfahrenen Erstligatrainer mit einem zu schwachen Kader auf die Reise geschickt, ein utopisches Ziel vorgegeben und konnte erst in der Winterpause nachbessern, zu einem Zeitpunkt, als der grün-weiße Arsch schon mächtig auf Grundeis ging. Sie haben ihm damit einem Bärendienst erwiesen, wirtschaftliche Konsolidierung hin oder her. Und dass die angeknackste bzw. die am Ende wiedererstarkte Psyche der Spieler ganz konkrete Folgen für den sportlichen (Miss-)Erfolg hatte, konnten wir alle zum Ende der Spielzeit hin beobachten. Die von mir als Fußballfolklore belächelte #greenwhitewonderwall hat tatsächlich Auswirkungen auf das Geschehen auf dem Platz gehabt. Daran kann es überhaupt keinen Zweifel geben. Aber natürlich hat auch die Arbeit des Sportpsychologen Früchte getragen. Das Auftreten der Mannschaft war solider, selbstbewusster, nicht so niedergeschlagen wie bei den einen oder so euphorisch wie bei den anderen Gelegenheiten. Das also könnte ein Grund dafür sein, dass so vieles bei Werder erst so spät in Gang kam: die Psyche.

Auf der anderen Seite kommt mir Viktor Skripnik nicht vor wie ein Mann, der sich in einer neuen Situation schnell zurecht findet und ad hoc die richtigen Schlüsse daraus zieht. Ich halte ihn für einen bodenständigen, willensstarken (um nicht zu sagen: sturen) Charakter, der weiß, was er will und auf welchem Weg er das erreichen möchte. Das sind bewundernswerte Eigenschaften, die ihn sympathisch machen. Aber ich glaube, für den Job als Werdertrainer sind es die falschen.

Denn der Umbruch ist noch lange nicht zu Ende. Spieler werden gehen, neue Spieler werden kommen, das Gefüge der Mannschaft wird sich dadurch verändern. Und dann wird es neue Maßnahmen geben müssen, die Situation muss neu evaluiert werden, vielleicht wird man unorthodoxe Wege finden müssen. Das, was Werder sich gerade mühsam erarbeitet hat, könnte morgen schon Makulatur sein. Und da braucht es einen flexiblen, erfindungsreichen, geistig aufgeschlossenen Trainer, dem Konventionen und Traditionen egal sind, der spontan einschätzen kann, wozu seine Spieler in der Lage sind, und der sie dann entsprechend einzusetzen weiß. Ganz ehrlich: Ich traue ihm das nicht zu. Das, behaupte ich, sind gerade NICHT seine Stärken.

Vielleicht täusche ich mich. Vielleicht hat dieses unerfahrene Trainerteam in den letzten, überaus harten Monaten so viele Dinge gelernt, dass sie schon in der kommenden Saison besser, zielgerichteter arbeiten werden. Vielleicht können auch die Spieler, die gehen, adäquat ersetzt werden, so dass man auf den Errungenschaften dieser Saison aufbauen kann, die gefundene Spielphilosophie – frühes Pressing, schnelles Umschalten, eine spielgestaltende hängende Spitze, ein solider Spielaufbau durch spielkstarke Innenverteidiger und das defensive Mittelfeld, Druck auf den Gegner über schnelle Außenspieler – verfeinern kann. Das wäre schön. Aber ich wage es nicht zu glauben.

Wie dem auch sei, wir atmen jetzt erst einmal erleichtert auf, genießen den Klassenerhalt und die wohlverdiente und dringend benötigte Pause. Früher war ich an jedem letzten Spieltag wehmütig, weil eine quälend lange Zeit ohne Fußball wartete. Aber in diesem Jahr bin ich einfach nur heilfroh, dass der Stress vorbei ist.

Lieber Leser, vielen Dank, dass Du hier manchmal vorbeigeschaut und Dich für mein Geschreibsel interessiert hast! Schau vorbei, wenn die nächste Spielzeit startet. Ich werde dann wieder am Start sein. Bis dahin: Eine schöne Pause und uns allen eine tolle Europameisterschaft.

Cheers,
Gofi

Nachtrag vom 17. Mai: Wenn es stimmt, was die Kreiszeitung heute meldet, dass nämlich Skripnik für die Dauer der letzten Spiele empfindliche Machteinbußen hinnehmen musste (durch Mannschaft und Geschäftsführung), dann stellt sich natürlich die Frage, wie sehr die positive Entwicklung auf sein Konto geht und ob der Klassenerhalt wirklich auch sein Verdienst ist. Ehrlich gesagt kommt mir dieses Szenario stimmig vor. Es würde zumindest erklären, warum die Veränderungen erst so spät in der Saison eingesetzt haben und warum Fehler, gegen die es scheinbar kein Heilmittel gab, so abrupt abgestellt werden konnten.

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